Interview
By Michael Hametner04
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„Uns hat niemand AUFHÖREN lassen.“

Raphael Pleschounig und die anderen 179 Mitglieder des Vereins Acoustic Lakeside wollten sich mit den üblichen Zeltfesten ihrer Heimatdörfer nicht zufrieden geben, weshalb sie seit 2006 das gleichnamige Festival veranstalten und Bands wie BUSH, THE FRATTELLIS oder MAXIMO PARK an den süßen Sonneggersee bei Sittersdorf holen, wo sonst nicht gaaanz soviel los is…

Unterkärnten. Maisfelder wiegen sich im Wind. Sanfte Hügel mit alten Wehrkirchen rauschen vorbei. Kleine Ortschaften mit mehrsprachigen Ortstafeln zwingen ein- wie mehrsprachige Überlandfahrer sich einzubremsen, während sich die Straße zwischen kleinen Seechen und größeren „Lackalan“ ihren Weg kurvt. Dann kommen wir am Sonneggersee an. Ein wenig wenig See, aber sicherlich sehr viel Sonne. Heute fehlt aber leider sogar die, dafür stehen die Partyzelte schon. Aus den Lautsprechern der Beachbar tönen Schlager, während eine Gruppe kräftiger, bärtiger Herrn allerlei Metallrohre aus einem Lastwagen, klirrend und scheppernd, auf die penibel gepflegte Rasenfläche der Liegewiese, werfen. Hier entsteht etwas. Sieht nach Bühne aus. Gleich ist Mittagspause, jemand hat Schweinsbraten für die Crew gemacht und alle setzen sich gut gelaunt an die gedeckten Biertische. Nur Raphael, der Obmann des Acoustic Lakeside Vereins darf jetzt nicht essen gehen, sondern muss mit uns ein Interview machen. Schließlich ist das Acoustic Lakeside Festival ein veritable Erfolgsgeschichte mitten im Süden:

IMSÜDEN.AT: Hallo Raphael, bevor du dir den Bauch voll schlägst: Wer seid ihr und warum habt ihr das alles hier auf die Beine gestellt?
Raphael Pleschounig: Wir sind im Grunde ein Freundeskreis, der durch Begeisterung für die Musik, recht groß geworden ist. Vor neun Jahren haben wir hier am See, aus Enttäuschung über die regionale Musikszene, mit einem Konzertabend für lokale Bands, begonnen. Weil wir uns mit den üblichen Zeltfesten einfach nicht abfinden wollten. Und heute steh ich da und komm nicht mal mehr zum Essen vor lauter Interviews (lacht).

IS: SSKM sagt man im Süden: „Selbst schuld, kein Mitleid!“ Euer Konzertabend von damals ist ja ganz schön ausgeartet. Wie ist denn das passiert?
Raphael Pleschounig: Ja, ziemlich zach (lacht). Beim zweiten Acoustic Lakeside, damals 2007, hatten wir tollen Support von Naked Lunch. Wir wollten, dass sie spielen, konnten uns die Gage aber natürlich nicht leisten. Da haben Herwig Zamernig alias Fuzzman und Oliver Welter kurzerhand beide solo gespielt. Das war ihnen ein Anliegen, weil sie so ein Engagement wie unseres, eben honorieren wollten. Und uns hat das natürlich irrsinnig motiviert. Auch heute finde ich es immer wieder unglaublich, wie stark der Zusammenhalt der Szene in Kärnten und ganz Österreich ist. Das is schon fast so: „Wehe wenn du aufhörst! Was brauchst du um weiter zu machen? Ich helf‘ dir!“ Uns hat, von Anfang an, einfach niemand aufhören lassen. Alle haben uns gedrängt, weiterzumachen. Und nächstes Jahr werden wir schon zehn! Unglaublich im Grunde…

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IS: Also seid ihr eigentlich durch Nachbarschaftshilfe und Zuspruch von Gleichgesinnten entstanden?
Raphael Pleschounig: Könnte man so sagen. Das ging so nach und nach. Der Großteil unserer 180 Vereinsmitglieder wohnt im Umkreis von zehn, fünfzehn Kilometer rund um den Sonneggersee und auch wenn manche mittlerweile in Wien, Graz oder Salzburg studieren und arbeiten, so sind unserer Wurzeln immer noch hier. Wir kommen jedes Jahr hier zusammen und machen das Acoustic Lakeside. Manche nehmen sich sogar extra Urlaub dafür, wie ich zum Beispiel.

IS: Du gehst also auf Festivalness-Urlaub und organisierst hier freiwillig und unentgeltlich eine Runde Musik für alle… Bist du irre?
Raphael Pleschounig: Das diskutieren wir auch oft im Verein, was uns eigentlich dazu bringt, hier zwei Wochen zu schwitzen, zu streiten und nicht zu schlafen (lacht). Aber dann siehst du, wie es den Leuten taugt und hörst plötzlich von Wildfremden, die überhaupt nix mit deiner Musik zu tun haben: „Bei unserem Festival am Sonneggersee, da is was los“ oder sowas. Da geht einem natürlich das Herz auf und man weiß wieder, warum man das alles macht! Außerdem was sollma sonst tun? Etwa zwei Wochen in Caorle am Strand liegen? Schön fad! (lacht)

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IS: Stimmt, Caorle ist eben nicht Sittersdorf (lacht). Aber im Ernst: Ihr habt doch sicher im Laufe der Zeit auch vieles lernen können, was euch beruflich weiterhilft. „learning by doing“, sagt man ja.
Raphael Pleschounig:
Eher „trail and error“ (lacht). Nein, natürlich haben wir viel gelernt. Einige von uns haben sich auch beruflich in diese Sparte entwickelt, andere wiederum sind schon als Profis gekommen. Wir haben eben, zum Glück, für jeden Job den richtigen Typ im Programm und lernen natürlich auch alle gemeinsam immer dazu.

IS: Du sagst so oft „wir“, klingt als währt ihr ein sehr starkes Kollektiv.
Raphael Pleschounig: Das sind wir ganz sicher! Wir sind ein großes Team und alle untereinander befreundet. Mittlerweile haben wir schon Unterstützer aus ganz Österreich, die uns helfen. Eine Runde aus Krems war zum Beispiel immer zu Gast hier und heuer sind sie eine Woche früher am Campingplatz aufgeschlagen, helfen beim Aufbau und der eine ist zum Glück Rettungschwimmer. Der hilft uns dann während des Festivals als „Mitch vom Sonneggersee“ die amtlichen Auflagen zu erfüllen. So wächst das Team jedes Jahr.

IS: Aber es gibt doch sicher auch mal Streit, oder?
Raphael Pleschounig: Klar sind wir manchmal auch emotional, aber im positiven Sinn. So ein Festival schweist ziemlich zusammen. Du weißt einfach, dass der links von dir, das aus dem selben Grund macht wie du und der rechts von dir ebenso. Und am Ende lernst du auch, dass es ein besonderes Erlebnis ist, gemeinsam auf sich stolz sein zu können!

IS: Klingt kuschlig. Was lernt man sonst noch bei euch?
Raphael Pleschounig: (lacht) Naja, du findest irgendwie deine Position innerhalb der Gruppe und lernst dann fachlich viel dazu, bildest dich weiter, gibst einfach dein Bestes, weil das alle tun. Auf der emotionaleren Team-Ebene lernst du sicher auch deine Position unter 180 Leuten in Extremsituationen, sagen wir mal „umsichtig zu festigen“ (lacht). Das ist etwas, das du in Caorle am Strand nicht lernst – das dir aber als Mensch und auch im Beruf viel bringt.

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IS: Ja, schon klar, Softskills und so. Gibt‘s ein besonderes Ritual bei euch?
Raphael Pleschounig: Einige, aber das schönste ist sicher unser traditionelles „Siegerschnapserl“, wenn am Samstag der Headliner die Bühne betritt und wir wissen: „Wir haben es wieder mal geschafft!“ Dann stellen wir uns alle an die Bar und trinken zusammen einen Schnaps!

IS: Na fein, 180 Leute prügeln sich um ein Stamperl… (lacht) Aber sonst scheint euer Festival immer recht gesittet abzulaufen hier in Sittersdorf (lacht)…
Raphael Pleschounig: Ähem… Ich lach dann nach dem Festival, wenn ich wieder Zeit hab. Ja, das Acoustic Lakeside ist eben keine Massenveranstaltung, wie viele anderer Festivals. Das wollten wir aber auch nie sein. Das war uns immer zu groß, zu laut, zu unsympathisch und zu unpersönlich. Deshalb halten wir die Veranstaltung auch bewusst klein. Wenn dann die Karten im März schon ausverkauft sind, so wie heuer, dann ist das eben so.

IS: Ihr wollt also gar nicht größer werden? Aber wie macht ihr dann damit Kohle?
Raphael Pleschounig: Gar nicht. Wir arbeiten alle freiwillig und um der Sache willen. Auf das Gelände gehen 3000-4000 Leute und darauf legen wir alles aus. Wir kalkulieren so, dass die Null steht und dann passt das für alle. Fertig. Würden wir größer werden, müssten wir Firmen gründen, die Location ausweiten, mehr Security anheuern usw.. Das wollen wir nicht, der Charme des Acoustic Lakeside soll erhalten bleiben. Hier bist du einfach noch nah am Star!

IS: Schöner Slogan! Wie kommt ihr eigentlich zu den ganze Stars?
Raphael Pleschounig: Wir haben natürlich bei Null angefangen und unser Netzwerk über die Jahre ausgebaut. Mittlerweile kennt man die Booker und die Managements. Aber wir arbeiten auch mit anderen Festivals zusammen, zum Beispiel mit dem Appletree Garden Festival  in Deutschland. Mit denen zusammen versuchen wir größere Acts nach Mitteleuropa zu bringen und das funktioniert ganz gut. Lustig war zum Beispiel das Tour-Shirt von der letztjährigen BUSH-Tour: Paris, London, Berlin usw. und am Ende dann Sittersdorf, haha (lacht). Schon ziemlich cool.

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IS: Die Bands müssen bei euch ja alle akustisch, also ohne Verstärker spielen… hat da jede Band was zu bieten?
Raphael Pleschounig: Nicht jede. Es gibt da zwei Lager. Die einen spielen nur ihre Sets runter, die sind genau getimet und alle Abläufe stimmen. Diese Bands kommen für uns natürlich nicht in Frage. Und dann gibt‘s die Musiker, die sich denken: „Auf meiner Tour verdien ich eh genug und da schau ich am Schluss am Sonneggersee vorbei und mach was Besonderes!“ Das sind genau die Bands, die wir suchen. Und das läuft ganz gut.

IS: Vor allem auch, weil ihr den einzigen Backstagebereich der Welt mit einer Wasserrutsche habt, oder?
Raphael Pleschounig: (lacht) Ja, das ist natürlich für viele Künstler der Hauptgrund hierher zu kommen. Nein. Obwohl die Crystal Fighters im Vorjahr da mit dem Longboard runter sind, die Scherzkeckse (lacht).

IS: Nächstes Jahr werdet ihr 10 Jahre alt, was habt ihr geplant?
Raphael Pleschounig: Jetzt lass uns mal dieses Festival über die Bühne bringen. Wir würden sicher gern eine Geburtstagsparty machen und wir werden es uns nicht nehmen lassen, die ein oder andere Band wieder einzuladen, die einen besonderen Eindruck hinterlassen, oder sich hier einfach wohl gefühlt hat. Ob auf der Bühne oder mit uns gemeinsam im Publikum wird sich dann weisen.

IS: Na dann, viel Erfolg für heuer und die Zukunft! Und jetzt geh endlich mal was essen!

pix: Johannes Wouk, Michael Hametner, Acoustic Lakeside


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Johannes Wouk
Johannes Wouk hat studiert. Er hat aber auch gearbeitet. Heute ist er selbstständig, schreibt und macht was mit Kommunikation. Für IMSÜDEN.AT ..
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