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Die orale Phase oder Essen will gelernt sein!

Unser Kind steckt sich liebend gerne Sachen in den Mund. In den meisten Fällen haben diese Sachen nichts in einem Mund verloren. Von faszinierenden und erschreckenden Erlebnissen auf dem Pfad in die Welt des Geschmacks und des Essens.

Das Thema Essen ist in unserem Haushalt allgegenwärtig. Durch die Eingangstür schreitend, erblickt der Gast als erstes die Küche mit großzügiger Arbeitsfläche, Gewürzen aus aller Welt und einer Vielzahl an Kochbüchern auf den Regalen. Wer einen genaueren Blick darauf wirft, findet seit Kurzem auch Kochbücher, die sich um die Zubereitung von Speisen für Babys und Kinder drehen. Kochen und essen. So einfach geht das, möchte man meinen. Doch weit gefehlt. Essen will gelernt sein! Unsere kleine Tochter befindet sich seit ihrem 6. Lebensmonat in diesem Prozess, der uns seitdem einige Nerven gekostet hat. Doch über die Zeit hinweg ist eindeutig eine gewisse Entwicklung festzustellen:

Mal kosten, kost‘ ja nix! (5 Monate)
Um die Zähne zu wetzen und den Geschmackssinn auszuloten wird prinzipiell alles in die Futterluke gesteckt, was Mama und Papa nicht außer Reichweite gebracht haben. Erschwerend hinzu kommt, dass sich ihre Reichweite vor kurzem um einiges erhöht hat. Sie ist jetzt mobil. Robbend und sich um die eigene Achse rollend bewegt sie sich über unseren Wohnzimmerboden. Dabei ist nichts vor ihr sicher: Buntstifte, Legosteine, Spielzeugautos, Bauklötze und – besonders beliebt – Mamas und Papas dreckige Schuhe, die wir ihr immer panisch aus den kleinen Pfoten reißen. Etliche Gegenstände finden den Weg zwischen ihre ersten Beißerchen und tragen unansehnliche Bissspuren davon. Ihre absoluten Favoriten sind aber Bilderbücher und Tageszeitungen, deren Druckerschwärze sich binnen Minuten in ihrem ganzen Gesicht verteilt oder aber auch Mamas und Papas Finger. AUA!!

Papa kann nicht kochen! (6 bis 7 Monate)
Wir interpretieren ihre ausschweifenden oralen Experimente als Zeichen dafür, dass sie bereit ist, erste feste Nahrung aufzunehmen. Also setzen wir sie in ihren Hochstuhl (den ich in mehreren Stunden unter lautem Fluchen und Schimpfen zusammengebaut habe) und verabreichen ihr liebevoll zubereitete Speisen. Oder versuchen es zumindest. Gewissenhaft, wie Mama ist, darf ich nur frische Zutaten, die wir zuvor beim Bauernmarkt besorgt haben, zu einem Brei verkochen. Die Auswahl der von mir gekochten Babyspeisen ist groß: Saftiges Hühnchen mit Kohlrabi an Erdäpfel, frische Zucchini mit knackigen Karotten, Kürbis und Süßkartoffel wahlweise mit feinstem Rindsfilet oder ohne. Alles selbstverständlich immer – wie von der einschlägigen Fachliteratur empfohlen – mit einem Schuß hochwertigem, regionalen Rapsöl verfeinert und zu einem – meist braunen Brei – vermixt. Regional, nachhaltig, nahrhaft, gesund und vor allem Bio! Optisch: Ääähh … naja. Geschmacklich: Mmmmhhh. Alles natürlich auch immer selbst abgeschmeckt und für gut befunden. Lecker. Sollte man meinen, …

… der eigentliche Prozess der Essensaufnahme lässt anderes vermuten. Sobald ich ihr einen Löffel mit dem köstlichen Matsch in den Mund schieben will, wirbelt sie wie ein wild gewordener, hyperaktiver Parkeinweiser ihre kleinen Arme durch die Luft. PATSCH! ZACK! KLATSCH! Als erstes spritzt mir der wohlriechende, braune Brei ins Auge. Erst danach höre ich das Aufklatschen auf Boden und Wänden. „GRRRAAAuuuhiiig bleibeeennn …“, beruhige ich mich selbst „war ihr wohl zu wenig Farbe dran.“

Gerne wird auch mit den bloßen Händen und viel Schwung direkt in den gut gefüllten Teller gelangt – nur um sich gleich darauf am Kopf und an der Nase zu kratzen. Was ihr freudiges Quietschen entlockt, bringt mich zum gequälten Stöhnen. Ihr Verhalten kann eigentlich nur zweierlei bedeuten: Entweder sie weiß meine Kochkunst nicht zu schätzen oder sie hat vom Konzept der Essensaufnahme gleich viel Ahnung wie ein Affe vom Autofahren. Ich vermute zweiteres.

Wir haben einen Allesfresser! (8 bis 9 Monate)
Langsam bessert sich ihre Fähigkeit Essen aufzunehmen. Statt auf den Boden, die mittlerweile bunt gesprenkelten Wände, ihr Gesicht, ihre Mama und mich finden immer größere Teile des Essens den Weg vom Teller in ihren Magen. Erstmals sehen wir Licht am Ende des Tunnels. Und sie sieht nun nicht mehr nach jeder Mahlzeit wie ein kleines Krümelmonster aus!

Gleichzeitig ist in den letzten Wochen aber auch ihre Mobilität exponentiell angestiegen. Aus dem Robben und Rollen wurde echtes Krabbeln. Es wird für uns so immer schwieriger mit ihr Schritt zu halten und zu kontrollieren was sie sich zwischen ihre – mittlerweile fünf – Zähne steckt. In einem Affentempo rast sie auf allen vieren über den Parkettboden und hält Ausschau nach interessanten Dingen, die sich natürlich am besten mit Zähnen und Zunge erforschen lassen. In einer Wohnzimmerecke hat sich vor kurzem eine dicke, fette Schmeißfliege zum Sterben hingelegt. Mausetot liegt die Fliege umrahmt von Staubfusseln in der Ecke. Leichte Beute für unseren kleinen Allesfresser! Ohne dass Mama oder ich davon Notiz nehmen, findet sie die Fliege und steckt sie sich – schwuppsdiwupps – in den kleinen Mund. Erst kurz darauf merken wir, dass sie etwas im Schilde führt und bringen sie wild gestikulierend dazu ihren Mund wieder zu öffnen und das tote Insekt zu entfernen.

Orale Eskapaden (10 bis 11 Monate)
Mama und ich sind mit unserem Latein am Ende. Immer wenn wir glauben, es kann nicht schlimmer werden, stellt unser Kind neue fragwürdige Dinge mit Mund und Zunge an. Als ob sie uns damit eins auswischen will, schleckt sie genüsslich mit weit ausgefahrener Zunge den Küchenfußboden ab. Mit offenen Mündern sehen wir ihr staunend dabei zu wie sie ihr Gitterbett annagt oder versucht sich Duplosteine quer in den Mund zu schieben. Zu Besuch bei Freunden bearbeitet sie mit ihrer Zunge den gesamten unteren Teil des Wohnzimmerschranks, was für allgemeine Erheiterung und lautes Gelächter sorgt. Irgendwie sind ihre oralen Eskapaden faszinierend und zugleich erschreckend. Wir hoffen auf baldige Besserung – immerhin feiert sie bald ihren ersten Geburtstag!

Spaghettimonster (12 bis 13 Monate)
„Hallelujah! Es ist ein Wunder!“ ruft meine liebe Frau. „Sie hat mir meine Spaghetti weg gegessen!“ Ich schalte nicht gleich und wundere mich zunächst noch darüber. Seit wann freut sie sich darüber wenn ihr jemand etwas weg isst? Nach kurzem Nachdenken, kommt mir’s. Meine Tochter! Sie hat Spaghetti gegessen! Mit Fleischsugo! Ich schicke ein Stoßgebet in Richtung Himmel und bewege mich im Laufschritt zum Esstisch. Dort sitzt ein kleines Mädchen mit rot-orange verschmiertem Mund und grinst mich mit strahlenden Augen an. Hach! Sie ist ja so erwachsen! Heute isst sie wie eine Erwachsene und morgen zieht sie aus um die Welt zu erobern! Naja… ganz so schnell geht’s dann hoffentlich doch nicht.

Mühsam nährt sich das Eichhörnchen (14-15 Monate)
Damit unsere Prinzessin auch zwischendurch was Nahrhaftes in ihr Bäuchlein bekommt, haben wir uns angewöhnt ihr alle möglichen Lebensmittel einfach in die Hand zu geben. Hoch erfreut und mit breitem Grinsen läuft sie dann wieder weg. Laufen? Ja… sie hat in den letzten zwei, drei Monaten laufen gelernt! Zuerst wacklig und unsicher wie ein betrunkener Seebär, rennt sie mittlerweile sicherer und vergnügt glucksend durch die ganze Wohnung. Ihre Hände sind dabei voll mit Proviant. Dinkelstängli, Apfelspalten, Brotstücke und vieles mehr. Anfangs dachten Mama und ich noch, dass sie diese Lebensmittel allesamt verputzt. Immer öfter beobachteten wir sie dann aber schließlich mit kleinen Stückchen Nahrung, die sie nicht von uns hatte. Nach einiger Zeit fiel uns schließlich auf, dass sie wie ein Eichhörnchen überall in der Wohnung Nahrungsvorräte angelegt hatte. Mehrere alte Stückchen Brot im Spielzeuglaster. Braune Apfelspalten im Legobehälter und Dinkelstangen unter dem Sofa. Schlaues Kind! Spare in der Zeit, so hast du in der Not!

Besonders positiv hervorzuheben ist auch, dass sich in den letzten Monaten ihr Drang ungenießbare Sachen in den Mund zu stecken verflüchtigt hat. Nur noch sporadisch finden wir Legosteine, Erde und sonstigen Unrat in ihren Mundwinkeln. Rückwirkend betrachtet hat sich unsere Tochter im letzten Jahr ernährungstechnisch also vom Urzeitmenschen zu einem Gourmet mit vorbildlichen Manieren entwickelt. Es ist zwar noch immer Luft nach oben, aber ich bin zuversichtlich, dass wir sie eines Tages auf die Welt da draußen loslassen können.


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Clemens Huss
Clemens Huss Geboren in Tirol, aufgewachsen in Kärnten. Papa seit 2013. Selbstständig als Texter, Webdesigner und Experte für Online Kommunikation ..
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