Besser IMSÜDEN.AT
HomeOffice by Arnold P_LowRes
Dieser Artikel wird unterstützt von


„Ich hab schon immer viele Ideen gehabt“

Gerwin Hoppe hat aus der Schuljausenaufbewahrung seiner Tochter ein StartUp gemacht mit dem er bei Puls4 durchstartete und mittlerweile den Logistikweltmarkt im Sturm erobern will. Wir haben den Daniel Düsentrieb vom Wörthersee zuhause zum Interview getroffen um herauszufinden was er BESSER IMSÜDEN.AT macht.

Eine kleine Wohnung in einem Klagenfurter Vorort. Fast nur ein Raum. Ein Hochbett (selbstgezimmert?) darunter ein riesiger Fernseher als Computermonitor missbraucht und ein Klavier. Dazwischen Gerwin Hoppe, der den Ausblick auf eine Art Zen-Garten genießt, der sich vor seinem Fenster erstreckt. Auf das Fensterglas sind Flipchartbögen geklebt, darauf Notizen. Hier wird was entwickelt, das sieht man auf den ersten Blick. Aber was? Diese Jausenbox aus dem Fernsehen? Gerwin selbst? Oder ganz was anderes? Da wir nicht wissen wo anfangen, fangen wir mit der Frage an, mit der wir eh immer anfangen:

IMSÜDEN.AT: Hallo, wer bist du und was machst du im Süden?
Gerwin Hoppe: Ich bin der Gerwin Hoppe und im Süden ist es schon ziemlich schön. Auf die durchaus berechtigte Frage, Kärnten wtf, sag‘ ich an dieser Stelle immer: ich war lange genug weg, um es hier wieder auszuhalten (lacht).

IMSÜDEN.AT: Lass uns raten: Nach Wien zum Studieren und dann wegen der Liebe zurück?
Gerwin Hoppe: So ähnlich. Ich bin in Klagenfurt geboren, Musikgymnasium, HTL, Bundesheer. Dort hab‘ ich übrigens eine Fotografenausbildung machen dürfen. Und dann bin ich nach Wien um Tonmeister zu werden. Ich hab’s nicht geschafft und hatte keinen Plan B. Danach hab‘ ich erst einmal drei Vorlesungen lang internationale BWL und Chinesisch studiert, bevor ich in die Musik abgetaucht bin. Aber eigentlich war das der Anfang einer ziemlich langen Reise auf der Suche nach mir selbst und meinem Platzerl in dieser grellen Welt. Konzertfach Klavier am KLK und Psychologie waren noch wichtige Bildungsimpulse, die ich ohne Abschlüsse eingestreift hab. Drei Jahre Wien, drei Jahre Berlin und ein halbes Jahr in Italien. Kärnten immer wieder zwischendurch, aber dann doch die Entscheidung, dass meine Tochter hier zur Schule gehen sollte.

IMG_7758_LowRes

IMSÜDEN.AT: Zurück in den Süden, sozusagen…
Gerwin Hoppe: (lacht) Ja, kann man so sagen. Dazwischen war ich alles, vom Staubsaugervertreter über Industriemonteur, Forstarbeiter, Produktionsleiter für einen Kinofilm, parlamentarischer Mitarbeiter, Radiomoderator, Autor, Schauspieler. Habe meine eigene Meditationsmusik produziert und dafür damals auch die Verpackung und alles entwickelt. Aktmodel nicht zu vergessen. Das mach‘ ich heute noch gelegentlich…

IMSÜDEN.AT: Stopp, stopp, stopp! Wie, was? All das hast du schon gemacht? Bisschen sprunghaft, wie?
Gerwin Hoppe: Orientierungslos, eher. Ich hab immer schon schlecht in Schubladen gepasst und meine Zeit gebraucht (lacht)! Ich hab vieles ausprobiert bisher und ich werd‘ auch sicher nicht damit aufhören. Hinter dem ganzen Sprunghaften gab es eine klare Linie: Persönlichkeitsentwicklung. Mittlerweile kenn‘ ich mich schon ganz gut…

IMSÜDEN.AT: Bist du so auch zum Erfinder geworden?
Gerwin Hoppe: Kreativität und Erfindergeist sind etwas selbstverständliches. Jeder setzt diese halt anders ein – aber jeder, der Probleme löst, egal wo und für wen, tut dies auf kreative und erfinderische Weise. Das geht gar nicht anders. Und wenn das bedeutet, sich selbst Lügen zu erfinden, um sich nicht eingestehen zu müssen, dass ihn sein Leben frustriert. Das ist eine der Hauptursachen für das Phänomen der sogenannten Wohlstandskrankheiten. Was Rigidität anbelangt sehe ich uns als Armutsgesellschaft. Ich selbst war schon als Kind ein leidenschaftlicher Produktentwickler, hab das dann einige Zeit nicht beachtet und glücklicherweise für mich wiederentdeckt.

141015_2M2M_HoppeBox4(c)Nick Albert_kleiner_LowRes

IMSÜDEN.AT: Die Jausenbox deiner Tochter?
Gerwin Hoppe: Ja! Ich optimiere gern und unerlässlich. Routinen will ich effizient erledigen und für jene Dinge, die ich tun muss, möchte ich nicht mehr Energie aufwenden, als notwendig. Das ist das ökonomische Prinzip. Wenn ich mich jedes Mal herumärgern muss, dann fatzt mich das an.

IMSÜDEN.AT: Wie war das genau? Wie wird man Jausenboxerfinder?
Gerwin Hoppe: Naja, die ungeschickte Herumpatzerei mit dem billigen Plastikgeschirr, das mir viel zu viel Aufmerksamkeit abverlangt und dass sich seit meiner eigenen Kindheit scheinbar überhaupt nix getan hat an der Jausenboxfront. Im Grunde musst du dich noch immer nach einer Box richten, denn wenn du willst, dass deine Jause unversehrt ankommt, musst du sie so dimensionieren, dass nix wackelt. Ansonsten ist alles zergatscht, weil es es ja unterwegs in der Schultasche herumgewirbelt wird. Also hab ich mir aus einer Klarsichtbox und einem Kondom den ersten Prototypen gebaut.

IMSÜDEN.AT: Na Mahlzeit. Was war deine Lösung für das Problem?
Gerwin Hoppe: Die Idee ist, dass du mit der Hoppebox deine Jause sicher transportieren kannst, ohne dich drum zu kümmern, wieviel und was du einpackst: einfach reingeben, zumachen, fertig. Daraus ist eine patentierte Mechanik entstanden, und mit ihr der Wunsch nach einer adaptiven Mehrwegverpackung um dem ganzen one-way-waste-wahnsinn ein bissel nachhaltiger zu begegnen. Der Versandhandel wächst und wächst, wer seinen Kunden eine intelligente und nachhaltige Lieferung bieten kann, hat bereits heute einen Wettbewerbsvorteil. Und wir können den Recycling-Kreislauf optimieren wie wir wollen, am Ende sind es immer noch gewaltige Mengen an Rohstoffen und Energie, die wir als Mittel zum Zweck hernehmen.

IMSÜDEN.AT: Da ist aus deiner Erfindung ein StartUp geworden?
Gerwin Hoppe: Naja. Der Begriff wird ja derzeit etwas überstrapaziert. Aber begonnen hat alles bei einem StartUp-Weekend. Da habe ich den Business Angel Dr. Adolf Rausch kennengelertn, der auch heute noch Gesellschafter meiner Firma ist und mich unter seine Fittiche genommen hat. Dann hab ich beim build!-Ideenwettbewerb mitgemacht, meinen ersten Businessplan auf der Uni in einer Businessplan-Lehrveranstaltung mit Studierenden entwickelt und schließlich im build!-Gründerzentrum gelandet. Da lernst du selbständig denken, das braucht’s dort auch (lacht). Aber zumindest trifft man dort Kollegen und Leute wie den Alex Pinter, die den Begriff „silicon-valley-mindset“ nicht mit einer Minzart verwechseln. Der hat auch gleich gesagt: „Gerwin, das Ding gehört ins Fernsehen“

IMSÜDEN.AT: Kluger Mann dieser Alex! Denn im Fernsehen hast du dann ja abgeräumt…
Gerwin Hoppe: Ja, das lief wie von selbst. Christian Konrad hat mich zur Puls4 Show „Querdenker“ eingeladen, und mit ihm als Mentor hab ich dann gewonnen. Das war ein sehr wichtiger Moment für mich persönlich.

IMSÜDEN.AT: Immer gut einen Bankchef zum Mentor zu haben!
Gerwin Hoppe: (lacht) Ja, nru war er da nicht mehr Bankchef und jetzt ist er bekanntlich Flüchtlingskoordinator des Bundes. In der viel zu knappen Zeit mit ihm hab ich sehr viel gelernt. Am meisten, als er mir sagte, dass er nicht mein Kindermädchen sei. (lacht) Ich schätze ihn persönlich, auch wenn er von Produktentwicklung keine Ahnung hat.

QD_Konrad&Hoppe_(c) Manuel Tauber-Romieri_kleiner_LowRes

IMSÜDEN.AT: Und von dort gings dann zu 2 Minuten, 2 Millionen…
Gerwin Hoppe: Zwischen den Sendungen hatte ich nur fünf Wochen Zeit das Ding vom Prototyp bis zum herzeigbaren Produkt zu entwickeln. Wir konnten die Sache vorher nicht einmal testen – aber Glück gehört eben auch dazu. 26% für 60.000, das hat ein bissl gedrückt, der Haselsteiner ist ein Fuchs. Da waren noch einige Nachverhandlungen notwendig.

IMSÜDEN.AT: Wie geht’s jetzt weiter mit der Hoppebox?
Gerwin Hoppe: Ich war zugegebenermaßen zwei, drei Wochen enttäuscht, als sich herausstellte, dass ich keine Anschlussfinanzierung bekommen würde, nachdem ich die Patentlösung für die Jausenbox, in die wir soviel investiert hatten, nach Vorliegen der Machbarkeitsstudie negativ bewerten musste. Das war eine unangenehme Entscheidung, ganz klar. Aber ich wusste, wenn das Ding nicht sexy genug wird, dann werde ich das nicht verantworten und auch nicht verkaufen, es gibt schon genug Schrott auf der Welt…

IMSÜDEN.AT: Das heißt die Hoppebox ist Geschichte?
Gerwin Hoppe: Für die Jausenbox gibt es ein alternatives Konzept in der Schublade, samt Marketingkonzept und genügend MaFo, also wenn jemand an Innovationen in einem fetten internationalen Markt glaubt — Derzeit ist aber das Patent wichtiger, weil hier Kosten anfallen und Entscheidungen über Investitionen getroffen werden müssen, welche fundierte Kenntnisse über Markt, Herstellung, Technologie und Produkt selbst erfordern. Es geht jetzt aber in Richtung Mehrwegverpackung und Transportschutz!

IMSÜDEN.AT: Du meinst du willst unsere heißgeliebte Luftpolsterfolie abschaffen? OH, NEIN!!!!!!!
Gerwin Hoppe: (lacht) Naja, aber denk an den ganzen Müll der da entsteht. Derzeit müssen die Artikel in Normkartons verpackt werden und die Hohlräume werden mit Wegwerfmaterial aufgefüllt, dass die Umwelt belastet. Jemand, der heute oder morgen one-way-waste-frei seine Kunden beliefern kann, hat damit klar einen Wettbewerbsvorteil.

IMSÜDEN.AT: Was hast du aus dieser „Umorientierung“ deiner Idee gelernt
Gerwin Hoppe: Investoren, die sich mit der Materie nicht auskennen und zudem zu wenig Zeit haben, sich um kleine Investments zu kümmern, können mehr schaden als nutzen. Ich hab mir große Mühe gegeben, gute und unterhaltsame Reports zu machen, aber am Ende musste ich feststellen, dass sie nicht mal diese richtig gelesen haben. Das ist schon nachlässig. Diese Erfahrung nehme ich in zukünftige Projekte mit. Ich trag da auch niemandem was nach, kein Thema. Aber ich kann jedem nur dringend raten darauf zu achten, dass BAs auch liefern können, wenn es um Zeit und Commitment geht. Ach ja: und auch für definitive Finanzierungszusagen gilt, dass sie erst save sind, wenn das Geld tatsächlich auf dem Konto ist. Es kommt schon mal vor, dass einer sagt dass er definitiv wird und am Ende dann nicht kann…

IMSÜDEN.AT: Ok, klingt nach einer fetten Idee, aber auch nach einer Spur Welterverbesserung! Bist du so einer? Ein Weltverbesserer?
Gerwin Hoppe: Aber absolut! Wäre ja auch schlimm keiner zu sein (lacht.) Mich treibt sicherlich auch die große Vision dahinter an. Ich will aber auch einfach das arbeiten, was ich auch arbeiten würde, wenn für mein Einkommen gesorgt wäre. Auch wenn dafür nicht gesorgt ist.

IMG_2804_LowRes

IMSÜDEN.AT: Also lebst du am Existenzminimum?
Gerwin Hoppe: Nein, derzeit nicht. Seit meiner Firmengründung habe ich das erste Mal seit Langem wieder ein durchgehendes Honorar. Die Armutsgrenze hab ich recht lange nur von unten gesehen. Wenn mir ein Job zu deppert war, hab ich nach 11 Monaten gekündigt, anstatt auf Sozialleistungen zu schielen, das war nicht mein Fall. Lebenskünstler könnte man wohl sagen. Ist nur scheißanstrengend, aber du bleibst frei und kreativ…

IMSÜDEN.AT: Und das kann ja offensichtlich nicht schaden! Was sind deine nexten Schritte?
Gerwin Hoppe: Ich betrachte Hoppebox als Innovationsschmiede und sehe meinen Schwerpunkt in Innovationsberatung, Ideen- und Konzeptentwicklung. Die neue Idee ist aber noch extrem total geheim…

IMSÜDEN.AT: Nachdem du mitten drin steckst: Wie siehst du den Süden als StartUp-Region bzw. generell als Wirtschaftsstandort?
Gerwin Hoppe: Der StartUp-Begriff an sich wird sicher überstrapaziert, aber es ist doch zu begrüßen, dass die Politik sich bemüht. Ob sie es auch versteht, ist schon zu hinterfragen. Die Frage ist doch, wie wir unser schönes Land für kreative Geistern besiedeln, die visionär und neu denken und neue Massstäbe setzen. Dazu braucht es die richtigen Ansätze und die sehe ich noch nicht. Mit rein wirtschaftlichen Ansätzen zu entwickeln ist zu wenig. Gründertum muss man entwickeln, das kann man nicht verordnen. Der richtige Ansatz liegt in der Förderung eines neuen Geistes, einer neuen Kultur.

IMSÜDEN.AT: Wie meinst du das? Kultur?
Gerwin Hoppe: Die letzten Jahrzehnte haben das Land nicht nur finanziell sondern auch kulturell ausgeblutet. Menschen, die etwas auf sich halten, nehmen sich selbst in ihren Bedürfnissen ernst. Wir sollten in Kärnten Neues wagen und das den richtigen Potentaten überantworten. Wir haben etwas Großes verbockt, klarer wird’s nicht werden. Wenn wir das nicht in eine große Chance ummünzen, setzen wir damit noch einen drauf.

IMSÜDEN.AT: Siehst du noch eine Chance?
Gerwin Hoppe: Es braucht einen Wiederbelebungsplan für Kärnten, und für die Politik reicht es vollkommen, genau das zu verstehen! Die Vision wird von woanders kommen, aber zuerst brauchts die Einsicht, Kärnten im richtigen Massstab zu denken. Diese Ansätze sehe ich derzeit nicht und würde sie auch von keinem erwarten. Und genau das ist mein Punkt: Wer ist derzeit in Kärnten, der soetwas vermag? Wenn auf eine 18xxx Pleite die einzige Antwort sparen ist, dann ist das sicherlich eine kleingeistige Vision.

IMSÜDEN.AT: Was wäre deine Antwort?
Gerwin Hoppe: Hier ist die Rede von Kultur: politische Achtung und Demut gegenüber dem geistigen Potential ist der Dünger für den Kulturboden, der unsere Gesellschaft nährt und aus dem Handel und Prosperität gedeihen, nicht umgekehrt. Die Karawanken allein sind schön aber zu wenig. Vor allem aber geht es um ein schmerzliches Eingeständnis: Kärnten wird sich nicht selbst am Schopf packen und aus dem Sumpf ziehen können. Nicht ohne die Hilfe all derer, die Kärnten verlassen mussten, um sich selbst treu zu bleiben. Meine Tochter sollte hier zur Schule gehen, das war der Grund, nach Kärnten zurückzukehren. Als Freidenker zieht es dich dorthin, wo du am besten frei denken und dich entfalten kannst, mit oder ohne Karawanken.

IMSÜDEN.AT: Würziges Schlusswort… dann hoffen wir, dass wir noch einige deiner freien Gedanken kennenlernen werden! Danke für das Interview und viel Erfolg auch weiterhin.

MEHR AUS DER REIHE BESSER IMSÜDEN.AT powered bei Mazda Austria

PIX: (Titelfot: Arnold Pöschl, Manuel Tauber-Romieri, Nick Albert, Puls4, Johannes Wouk)


TINEFOTO_IMSÜDEN Launch-Party 2014-05-28_029_LOWRES
Johannes Wouk
Johannes Wouk hat studiert. Er hat aber auch gearbeitet. Heute ist er selbstständig, schreibt und macht was mit Kommunikation. Für IMSÜDEN.AT ..