2 Minuten 2 Millionen
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Von Johannes Wouk, Fotos: weitere Fotokennungen im TextArnold Pöschl

Tinder für den Pflegebereich casht bei 2 Minuten 2 Millionen ab

Harmony & Care matcht das richtige Pflegepersonal mit dem richtigen Patienten und macht daraus ein Geschäft. Hans Peter Haselsteiner und Leo Hillinger sind schon eingestiegen. Wir überlegen noch, haben die Geschäftsführerin Anja Silberbauer aber schon mal interviewt!

Anja Silberbauer strahlt übers ganze Gesicht, als wir uns im build! Gründerzentrum in Klagenfurt treffen. Kein Wunder, schließlich hat die Geschäftsführerin von Harmony & Care gerade € 200.000 bei der PULS4 StartUp-Show 2 Minuten 2 Millionen abgeräumt. Baulöwe Hans Peter Haselsteiner und Weinmacher Leo Hillinger sind eingestiegen und halten nun 26 % vom Tinder für 24-Stunden-Pflege.

IMSÜDEN.AT: Hallo Anja, verrat uns bitte sofort, wie ihr das gemacht habt! Wir brauchen bitte auch 200.000 Euro!
Anja Silberbauer: Tja, wer nicht (lacht). Bei uns war es sicherlich das Produkt an sich, das uns das Investment eingebracht hat. Hans Peter Haselsteiner ist ja mit seinem Tageszentrum in Möllbrücke auch in diesem Bereich engagiert, der kennt sich also aus. Der Pflegesektor ist mit ca. 130.000 Menschen in Österreich, und 2,2 Millionen im DACH-Raum, die auf Langzeitpflege angewiesen sind, einfach ein lukrativer Zukunftsmarkt. Und in Amerika ist das Ganze noch fünf mal so groß!

IMSÜDEN.AT: Mag ja sein, aber wie wollt ihr Trumphausen erobern?
Anja Silberbauer: Dadurch das unser Gründer und Technikchef Herwig Neumann lange dort gearbeitet hat, und noch gute Kontakte hat, steht dem sicher nix im Weg – aber auch Finnland und Schweden stehen demnächst am Programm.

IMSÜDEN.AT: Aus dem Süden in die Welt. Sehr brav! Wie hat alles angefangen?
Anja Silberbauer: Herwig war 20 Jahre lang in Amerika im IT-Bereich tätig und kam dann zurück, weil seine Eltern Pflege benötigten. Da hat er dann am eigenen Leib erfahren, wie schwierig, und teilweise unstrukturiert, dieser Bereich leider ist. Seine Mutter brauchte anfangs fünf bis sechs Pflegerinnen im Monat, das verursacht natürlich Kosten und Stress auf beiden Seiten…

IMSÜDEN.AT: Was ist da das konkrete Problem? Warum gibt’s da so einen Verschleiß?
Anja Silberbauer: Es passen eben nicht alle Menschen auf anhieb zusammen. Man muss bedenken, dass das schon eine sehr intime Beziehung ist zwischen Pflegekraft und Pflegebedürftigen. Man ist sieben Tage die Woche 24 Stunden am Tag zusammen. Das ist fast wie eine Ehe nur, ohne den romantischen Teil….

IMSÜDEN.AT: Ah, jetzt verstehen wir warum man euch als Tinder für Pflegepersonal bezeichnet….
Anja Silberbauer: Naja, so einfach wie Tinder machen wir es uns natürlich nicht. Ein Wischen nach rechts reicht bei uns noch nicht für ein Matching.

IMSÜDEN.AT: Wie macht ihr es dann?
Anja Silberbauer: Wir haben einen Fragebogen für die Pflegekräfte, der alles Mögliche abfragt: Von einfachen Dingen wie Allergien, Hobbys oder „Können Sie Hausmannskost kochen?“ bis hin zu eher psychosozialen Fragen. Es geht einfach darum, so viel wie möglich über die Persönlichkeit der Pflegekraft zu erfahren, um sie dann mit dem richtigen Patienten zusammenzubringen.

IMSÜDEN.AT: Und woher wisst ihr wer der richtige Patient ist?
Anja Silberbauer: Die Patienten, bzw. ihre Angehörigen, füllen auch so einen Test aus. Oft hängt es von eher banalen Dingen ab, ob zwei Menschen „matchen“ oder nicht. Wenn die Pflegekraft gern wandert und der Patient früher auch mal, dann haben sie ein Gesprächsthema. Und Kartenspielen ist natürlich ein must….

IMSÜDEN.AT: Das war klar! Ihr bringt also die richtige Leute zusammen und kassiert dann ab?
Anja Silberbauer: Nein, wir begleiten die Beiden dann auch und es gibt monatliche Feedback-Befragungen, um die Entwicklung der Beziehung einzuschätzen. Das gibt’s bei Tinder nicht (lacht)…

IMSÜDEN.AT: Aber wo und wann verdient ihr dann das Geld?
Anja Silberbauer: Beim Geschäftsmodell sind wir, wie alle StartUps, noch flexibel. Derzeit verrechnen wir der Agentur entweder 5 Euro monatlich pro beschäftigter Betreuungskraft oder 90 Euro pro Matching. Das hängt oft einfach vom Geschäftsmodell der Agentur ab.

IMSÜDEN.AT: Agentur?
Anja Silberbauer: Die Betreuungskräfte werden von den Betreuungsagenturen der Caritas oder vom Roten Kreuz, aber auch von Privaten direkt, in ihren jeweiligen Herkunftsländern angeworben. Und dann, bei Bedarf, nach Österreich gebracht. Wir machen unser Testing schon in Tschechien oder Ungarn in der Muttersprache der Pflegekräfte, was besonders wichtig ist, und wenn es dann ein Matching mit einer Pflegebedürftigen gibt, dann fährt die Pflegekraft nach Österreich. Wenn nicht, dann nicht. So sparen sich alle Stress und natürlich auch Kosten.

IMSÜDEN.AT: Und das läuft alles Online bei Harmony&Care? Mit hochgeheimem Algorithmus und so?
Anja Silberbauer: Ja, unsere Fragenbögen kann man bequem online ausfüllen. Am Algorithmus arbeiten wir noch und wir haben eine Psychologin, die das alles überwacht…

IMSÜDEN.AT: Also bist du nicht ganz alleingelassen mit all dem Daten…
Anja Silberbauer: Überhaupt nicht. Wir haben ein super Team mit tollen Spezialisten. Ich bin ja nur die, die für das BWL-Zeugs zuständig ist (lacht).

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IMSÜDEN.AT: Muss auch sein… und wer sind die anderen?
Anja Silberbauer: Unseren Gründer und Technikchef Herwig Neumann kennt man ja mittlerweile auch aus 2 Minuten 2 Millionen. Dazu kommt noch Nikola Dobric, ein Psycholinguist der Alpen-Adria-Universität Klagenfurt, der das Ganze gemeinsam mit Herwig ausgeheckt hat und Ivana Josanov-Vrgovic, unsere Psychologin. Bianca Gursch ist noch neu und unterstützt uns im Vertrieb.

IMSÜDEN.AT: Und zusammen lebt ihr das geile StartUp-Live hier im Süden mit durchgearbeiteten Wochenenden, verrückten Partys und vor allem vielen, vielen, Selfies und hastags wie #bossbabe, #workhardplayhard usw.?
Anja Silberbauer: So ungefähr (lacht). Nein, ich glaube bei uns macht keiner Selfies. So ein StartUp is eher wie ein Schiff auf hoher See, mal is das Wetter super, alles ist gut und man liegt in der Sonne, aber ein paar Sekunden später zieht ein massiver Strum auf, wirft das Ding hin und her und man selbst kotzt sich unter Deck die Seele aus dem Leib… Das ist das StartUp-Live das ich kennen (lacht).

IMSÜDEN.AT: Abwechslungsreich!
Anja Silberbauer: Ja, ziemlich! Aber Scherz beiseite, das StartUp-Live hier in Kärnten ist schon ganz angenehm. Man bekommt hier tolle Unterstützung und es ist ein überschaubare Szene in der man aufeinander schaut!

IMSÜDEN.AT: Also alles Harmony and Care in der südlichen StartUp-Szene. Das freut uns. Aber wie bist du da eigentlich reingeraten.
Anja Silberbauer: Gute Frage… erstmal bin ich aus dem Waldviertel nach Kärnten geraten. Mein Vater ist zwar Kärntner, aber ich war eigentlich nicht sooo oft da. Dann war ich mal auf einer Fete Blanche und hab gegenüber der Uni in einem Hotel übernachtet. Da hab ich mitbekommen, dass es hier ein Uni gibt und da hab ich mir gedacht: „Nicht schlecht, Uni am See…“. Als die dann hier auch noch International Management angeboten haben, hab ich mich eingeschrieben. Ich hab meinen Bachelor dann zwar an der WU in Wien gemacht, meinen Master dann aber hier und bin nie wieder so richtig aus Kärnten weggekommen, auch weil ich meinen Freund kennengelernt habe und es hier einfach schön ist.

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IMSÜDEN.AT: Ja, „schiach is nit grad“… wie wir Südländer sagen. Aber zurück zum Geschäft: Wie habt ihr euch auf 2 Minuten 2 Millionen vorbereitet?
Anja Silberbauer: Wir sind ja zum Glück im build!-Gründerzentrum und haben hier super Coaches, wie zum Beispiel Markus Setschnagg, aber auch PR-Profi Stefan Weder hat uns bei der Präsentation sehr geholfen. Wir hatten den Pitch wirklich schon gut einstudiert, aber vor laufenden Kameras ist das natürlich nochmal ganz was anderes…

IMSÜDEN.AT: Also Hose voll?
Anja Silberbauer: Ja schon… (lacht). Wenn es nix geworden wäre, hätten wir uns mich als Vollzeitkraft zum Beispiel nicht leisten können, und jetzt geht schon viel mehr weiter. Da sind wir unseren Investoren Leo Hillinger und Hans Peter Haselsteiner sehr dankbar. Besonders geil ist auch, dass der KWF das Investment verdoppelt und mich über ein Internationalisierungsprogramm auch noch zu 50 % fördert. Das ist für StartUps immens wichtig, dass solche Leute und Institutionen gibt.

IMSÜDEN.AT: Jetzt geht’s also so richtig ab?
Anja Silberbauer: Ja, muss es einfach! Bei den privaten Vermittlungsagenturen haben wir schon einige Unterschriften, und mit der Vorarlberger Hauskrankenpflege setzen wir gerade Pilotprojekte um. Wir arbeiten auch mit ILOGS, dem größten Anbieter für Software für 24-Stunden-Pflegeagenturen, zusammen und Entwickeln da Schnittstellen.

IMSÜDEN.AT: Geht auch was im Süden?
Anja Silberbauer: Aber klar! Mit der Diakonie de la Tour hier in Klagenfurt wollen wir zusammenarbeiten und vielleicht sogar Seniorenwohngemeinschaften zusammenmatchen. Eine Kartenspiel-WG, eine Fußball-WG eine Strick-WG usw. Das wär doch was!

IMSÜDEN.AT: JA! Sehr geil! Da ziehen wir dann auch ein, in so eine Fußball-WG….

(PIX: Arnold Pöschl, Harmony & Care, build! Gründerzentrum, Gerry Frank, Puls4)


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Johannes Wouk
Johannes Wouk hat studiert. Er hat aber auch gearbeitet. Heute ist er selbstständig, schreibt und macht was mit Kommunikation. Für IMSÜDEN.AT ..
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