Schräggeister
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Kinderkram für Groß und Klein

Ein schummriger Veranstaltungskeller. Ein Off-Theaterstück im Hauptraum. Gut gekühlte Getränke in der Bar. Der perfekte Ort, um einen tätowierten, Bier trinkenden, Gitarre spielenden … Pädagogen/Schräggeist zu interviewen, findet Daniela Lindhuber und hat Stefan Truppe gefragt warum zum Teufel er sich ausgerechnet als Pädagoge selbstständig gemacht hat.

Ich serviere unser Bier und betätige mein Sprachaufzeichnungs-App, um für die Nachwelt festzuhalten, was ich selbst nicht ganz glauben konnte: Ja, Pädagogen, die nicht verlernt haben, menschlich zu sein, und Kinder als gleichberechtigt betrachten, gibt es tatsächlich! Glaubt ihr nicht? Lest selbst!

IMSÜDEN.AT: Wer bist du und was machst du eigentlich so?
Stefan Truppe: Mein Name ist Stefan Truppe. Ich bin ausgebildeter Volksschullehrer und habe, anstatt auf eine Anstellung vom Land zu warten, die Dinge selbst in die Hand genommen und mich als Pädagoge selbstständig gemacht, weil ich umsetzen wollte, wie ich Unterricht sehe, bzw. wie ich ihn gerne hätte.

IMSÜDEN.AT: Fangen wir am Anfang an. Du bist ausgebildeter Volksschullehrer – warum?
Stefan Truppe: Ja, wie bin ich vom Anglistik- und Publizistik-Studenten zum Volksschulpädagogen geworden? Indem ich neben meinem Studium auf ein Kind aufgepasst habe. Die Familie ist damals aus Singapur zurückgekehrt und suchte für ihren Sohn einen Native Speaker. Auf den kleinen Jungen habe ich dann drei bis fünf Stunden die Woche aufgepasst – also vom Hausaufgabenmachen übers Essenkochen bis hin zur Freizeitgestaltung. Es war wohl meine Mutter die mich darauf aufmerksam machte, mich und meinen Bildungsweg nochmals zu überdenken. Also bin ich, sozusagen am zweiten Bildungsweg, auf die PÄDAK und hab mich auf das Volksschulalter spezialisiert.

IMSÜDEN.AT: Das heißt, du hast nicht fertig studiert, sondern abgebrochen?
Stefan Truppe: Ja, nach eineinhalb Jahren. Gesehen habe ich mich zum damaligen Zeitpunkt ganz woanders, mehr im Radio- oder Fernsehbereich. An Lehramt habe ich nie gedacht. Trotzdem, aus dem einen Kind sind irgendwie immer mehr geworden. Es hat sich herumgesprochen und plötzlich hatte ich einen Kundenstock. Mit zwei Kids habe ich italienisch gesprochen, mit dem anderen Englisch und mit der Kleinsten, die war damals drei Jahre alt, deutsch und das Ganze eben parallel. Das war eigentlich alles nur nebenbei, neben der Universitätsausbildung eben und kurz bevor ich mich dafür entschloss Lehrer zu werden.

IMSÜDEN.AT: So nebenbei einmal vier Kinder zu sitten, stell’ ich mir anstrengend vor?!
Stefan Truppe: Grundsätzlich war’s mir in der Zeit egal, womit ich mein Geld verdiene. Ich musste mich und meine Ausbildung finanzieren – vom Pizzazustelldienst über diverse andere kurzfristige Nebenjobs – alles, was ich gern gemacht habe, war natürlich das Angenehmste. Bei den Kids war genau das der Fall und schon hat das eine zum anderen geführt! Ich habe meine Ausbildung als Volksschullehrer erfolgreich absolviert und bin dann direkt in die Nachmittagsbetreuung gekommen. Ich fühle mich dort einfach sehr wohl, das bin ich, das ist genau das, wovon ich vorhin gesprochen habe, weil ich auch recht frei mit den Kids ausprobieren konnte, was ihnen liegt, wo man Spaß und Lernen am effektivsten verbinden konnte. Aber irgendwann kommt der Punkt, an dem du dich fragst: „Bin ich nicht für das, was ich tue, auch wenn ich es gern tue, überqualifiziert? Wohin führt dieser Weg?“ Der springende Punkt war dann einfach die anstehende Geburt meiner ersten Tochter 2012! Ich dachte mir damals: „Jetzt nimmst du es selbst in die Hand, du kannst das und du machst das einfach!“ Ich spreche von der Selbständigkeit und Unabhängigkeit – und der Firma KINDERKRAM, die in meinem Kopf entstand! Ich wollte aber auch den Job, den ich mache, nicht aufgeben. Die Arbeit macht mir Freude und der Betrieb ist einfach toll! Das aufzugeben, wäre für mich eine Qual gewesen.

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IMSÜDEN.AT: Also, damit ich noch mitkomme, der Betrieb, der dir Freude bringt, ist dein Hauptjob, läuft über Anstellung und …
Stefan Truppe: Ja genau, ein stinknormaler Job im Sozialbereich mit Anstellung, Versicherung, Arbeitszeiten und Urlaubsanspruch bei der BÜM gemeinnützigen Betreuungs GmbH – ganz normaler Arbeitsalltag eben. Wir sind Kooperationspartner vom Land und den Schulen. Mittlerweile hat sich gezeigt, dass es ein Fehler gewesen wäre damals zu gehen und nur noch auf Selbständigenbasis zu arbeiten. Derzeit bin ich in der Doppelfunktion – einerseits als Standortleiter an der VS 8 St. Andrä/Landskron und als Pädagogische Leiter, Organisator und Koordinator für den Raum Villach im Unternehmen tätig. Somit kann ich beides leben: Mich aktiv in einem Unternehmen einbringen und meine eigene Firma leiten.

IMSÜDEN.AT: Uffza! Und was genau macht ihr alle dann nachmittags?
Stefan Truppe: Der Großteil ist Freizeit – angeleitete Freizeit oder freie Spielzeit, Mittagessen, und Lernbetreuung mit allem, was an Organisation und Öffentlichkeits- sowie Elternarbeit so dazugehört.

IMSÜDEN.AT: Stichwort angeleitete Freizeit. Das heißt, eigentlich bringst du den Kindern durchs Spielen auch Dinge bei, die sie im Vormittagsunterricht nicht erfahren konnten Körperverständnis,  Gemeinschaft, Teambuilding?
Stefan Truppe: „Soziale Kompetenzen“, „social oder soft skills“ ist der Begriff. Es geht darum, sich in einer Gruppe zu verstehen, was es heißt, Verantwortung für sich und andere zu übernehmen und zu tragen, sich einzubringen, einzuordnen, unter-, aber auch überzuordnen.

IMSÜDEN.AT: Also eigentlich Integration?
Stefan Truppe: Genau! Irgendwann müssen sie ja aus dem doch recht geschützten Bereich der Volksschule heraustreten und dafür ebnen wir den Weg. Schön, dass du das Wort aufwirfst, es ist nämlich genau das: Wir beschäftigen uns mit Kindern, um sie langfristig in unsere Gesellschaft zu integrieren, um sie auf deren Anforderungen vorzubereiten. Die Volksschule ist der Ort, an dem sie lernen, Teil einer noch größeren Gemeinschaft zu werden, indem wir sie in kleinen Gemeinschaften heranwachsen lassen und ihnen das Rüstzeug spielerisch beibringen – ohne Druck, das ist wichtig – und mit dem Freiraum, Fehler machen um daraus lernen zu dürfen. Das ist unser Handwerk, wir erziehen Kinder, ohne sie unter Druck zu setzen. Vor allem in der heutigen Zeit, in der die Familien schon genug unter Druck sind durch Arbeitsbelastung, Geldsorgen, doppelte Einkommen als Notwendigkeit und so weiter.

IMSÜDEN.AT: Das heißt, du nimmst den Eltern auf eine gewisse Weise auch Arbeit ab?
Stefan Truppe: In Zusammenhang mit Kindern von Arbeit zu sprechen, ist für mich persönlich etwas schwierig, aber das stimmt schon. Wir sind bemüht, gewisse Unumgänglichkeiten zu übernehmen, mit denen sich die Eltern zu Hause nicht mehr befassen müssen. Somit können sie ihre Freizeit auch wirklich ihren Kindern widmen. Das ist meiner Meinung nach viel wertvoller als der ewige Kampf über dem Hausaufgabenheft. Es hat sich aber auch die Gewichtung des Themas Nachmittagsunterricht verlagert. Früher war das eben so ein Stiefkind, heute ist das ganz anders – nicht nur, weil viele Eltern diese Art der Betreuung rein zeitlich brauchen, sondern weil sie es sehr schätzen gelernt haben, dass ihre Kinder entspannt und zufrieden aus der Schule gehen und ebenso wie sie selbst ihre Arbeit in der Firma, bzw. Schule lassen können. Das Schönste ist, wenn die Kinder nach dem Nachmittagsunterricht abgeholt werden und sagen: „Was machst denn DU schon da, Mama?“ Wir sind eben kein Aufbewahrungsort, wir machen uns viele Gedanken über interaktives und soziales Lernen.

IMSÜDEN.AT: Und was treibt dich dann in die Selbständigkeit?
Stefan Truppe: Na ja, die Kombination aus begrenztem Stundenkontingent, Einkommen und meinen mittlerweile zwei Töchtern. Das heißt, auch wenn ich derzeit pädagogischer Leiter von Villach bin, dem Ganzen sind Grenzen gesetzt und die habe ich jetzt langsam erreicht. Tja, und dann habe ich den Entschluss gefasst: Drei Monate Vorbereitungszeit, Konzept geschmiedet und ab in die Vollen!

IMSÜDEN.AT: Wie genau schaut deine Selbständigkeit aus?
Stefan Truppe: Also, auf dem Sektor bin ich einer der Ersten in Kärnten, klar gibt’s viele Vereine, die eine Palette an Angeboten liefern, und Nachhilfeinstitute und das alles, aber die Kombination aus Begeisterung und Bedarf hat dann zu meinem Konzept geführt. Ich biete gezielte Einzelnachhilfe an, ohne dabei Massen an Kindern nacheinander oder zugleich abzufertigen. Ich bin flexibel und lerne dort, wo sich die Kinder am wohlsten fühlen! Außerdem werden mir viele zustimmen, wenn ich behaupte, dass der Bewegungsdrang der Kinder wohl kaum im Rahmen des Unterrichts gestillt werden kann. Also biete ich genau diese zusätzliche Turnstunde an. Nach dem ersten Semester ging das Ganze richtig ab! Ich habe Werbung rausgeschossen und  Schulen angeschrieben und 14 Tage lang läutete das Telefon kein einziges Mal und dann plötzlich durchgehend. Das heißt, alles, was ich als One-Man-Show bewältigen konnte, war sofort ausgebucht.

IMSÜDEN.AT: Und wie erklärst du dir den Boom?
Stefan Truppe: Na ja, schau dir an, in welcher Gesellschaft wir leben! Die Kinder verspüren den Leistungsdruck genauso, teilweise noch stärker. Als Kind, das zu groß, zu klein, zu dick, zu dünn oder verhaltenskreativ ist, bekommst du kaum die Möglichkeit geboten, in einer der vielen leistungsorientierten Talenteschmieden unterzukommen. Die Kinder finden bei mir einen Platz, den sie woanders nicht bekommen hätten. Bei mir gibt’s Raum, um sich steigern zu können, aber nicht zu müssen. Ich habe mittlerweile manche Kinder seit drei Jahren in Betreuung – von der ersten Turnstunde bis heute.

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IMSÜDEN.AT: Du bietest eine Palette an Leistungen an, die Eltern bei dir direkt buchen können. Aber auch Kindergärten können dich buchen, oder?
Stefan Truppe: Klar, St. Martin zum Beispiel tut das. Englisch im Kindergarten kommt sehr gut an und teilweise wurde ich auch für Schwimmkurse gebucht. Damit musste ich allerdings aufhören, weil’s eben genau in die Urlaubszeit fällt, und irgendwo musste ich dann doch Grenzen für mich und meine Familie ziehen. Und eine davon heißt: Wenn Urlaub ist, ist Urlaub!

IMSÜDEN.AT: Und was ist deine Philosophie im Umgang mit den kleinen Gschroppalan (ich meine das durchaus positiv)?
Stefan Truppe: Ich bin zum Beispiel ganz weit weg von diesen Ausscheidespielen, in denen Kinder teilweise nach zehn Minuten die restliche Zeit auf einer Bank sitzen. Ich lege großen Wert darauf, dass der Parcours bereits aufgebaut ist, wenn die Kinder in den Saal kommen, und weggeräumt wird, wenn die volle Stunde beendet ist und die Kinder schon in der Umkleide sind – Stichwort „Vorbereitete Umgebung“. Das schafft natürlich einen konzentrierteren Umgang mit den Kindern. Die Kinder sollen durchgehend beschäftigt, in Bewegung, sein. Es geht um die Gemeinschaft, etwas zu spielen, zu machen, sich zu messen und sich selbst dabei wachsen zu sehen. Es gibt auch keine Einschränkungen, ich hatte beispielsweise ein Kind, das an Epilepsie litt. Deshalb habe ich mittlerweile auch MitarbeiterInnen angestellt. Das gewährleistet, dass sich jemand gezielt um ein Kind kümmern kann, wenn dieses – warum auch immer – aus der Gruppe ausbricht, während die restliche Gruppe weiter betreut wird. Das ist ein Qualitätsmerkmal – ein weiteres ist die minimale Gruppengrößen, zehn Kinder im Englischunterricht, maximal 15 Kinder beim Turnen bei mindestens zwei Betreuungspersonen, daher auch die Größe meines Teams. Sie alle unterstützen meinen Stil und haben gezeigt, dass sie diesen auch eigenverantwortlich umsetzen können. Wichtig ist es mir vor allem, authentisch zu sein, menschlich. Ich bin der Stefan – mein Umgang mit den Kindern und Eltern ist ein entspannter, kein autoritärer und der ewige Gradmesser ist die Sinnhaftigkeit meines Tuns für mein Gegenüber und mich selbst.

IMSÜDEN.AT: Abschließende Worte?
Stefan Truppe: Die klau ich mir von John Locke: „Die größte Kunst ist, den Kleinen alles, was sie tun oder lernen wollen, zum Spiel und Zeitvertreib zu machen.“

 

pix: Stefan Truppe, Daniela Lindhuber


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