Lifestyle
SONY DSC


Kinderkleidung mit Mehrwert und GESCHICHTE(N)

Kinderkleidung muss nicht nur bequem sein, sie sollte auch originiell und umweltfreundlich daherkommen. Zwei Unternehmerinnen aus Klagenfurt stellen aus alten Sweatshirts individuelle Kleidung mit Mehrwert her. „OttO“ und „AnnA“ heißen die Hose und der Rock, die Gisi Stramitzer und Lenka Weiss entworfen haben.

„Nicht wundern, das schlafende Kind in der Auslage ist meines.“ werde ich von der Architektin Gisi Stramitzer begrüßt. Als ich das einladende Geschäft in der sonst schmucklosen Klagenfurter Spitalgasse betrete, ist nur der schlafende Vinzent am Empfang. Erst auf Zehenspitzen stehend kann man nach oben ins Atelier sehen, wo zwei Köpfe über einem Berg Baumwolle brüten. Gemeinsam mit der Schneiderin Lenka Weiss hat Gisi Stramitzer vor mittlerweile zwei Jahren „OttO“ und „AnnA“ – Kinderkleidung aus alten Sweatern – ins Leben gerufen. „OttO“ heißt die Hose mit Standard-Schnitt in unterschiedlichen Größen und Designs, „AnnA“ der Rock mit dem breiten, elastischen Bund. Zusammen sind sie Familie „Wiedergut“. „AnnA“ heißt so wegen der A-Form, die der Rock hat, und OttO ist rund wie ein „O“ geschnitten.

Stramitzer legt ihr Kind im nächsten Moment wie selbstverständlich auf den Schneidertisch zwischen Schnittvorlagen, Stoffe und ausgeschnittene „A“s und „O“s. Der Nachwuchs fühlt sich sichtlich wohl in der Schneiderei, fast meint man ihm anzusehen, dass er mit den Wiederguts verwandt sein muss, so natürlich passt er in seine textile Umgebung. Die mittlerweile dreifache Mutter Stramitzer erzählt, dass sie damals für ihr erstes Kind den Prototyp der bequemen Kinderhosen und -röcke entwarf, weil sie es einfach nicht übers Herz brachte, ihr Erstgeborenes in enge Jeans zu stecken.

121717_139c
129106_18cc
SONY DSC
SONY DSC

„Besser als Bio-Baumwolle“
Lenka Weiss, die die Schneiderei ihres Vaters Mitte der Neunziger übernommen hat, wirft gleich ein: „Außerdem ist es besser als Bio-Baumwolle weil es so oft gewaschen wurde, dass es frei von Schadstoffen ist. Viele Kinder haben heute schon verschiedenste Allergien.“ Dass alle Teile aus reiner Baumwolle sind, sei ihnen wichtig. Außerdem wird in Kärnten hergestellt, regionale Wertschöpfung ist ihnen ebenso ein Anliegen wie das Wohl der Trägerinnen und Träger. Neben dem ökologischen Fußabdruck spielt aber auch die individuelle Optik eine Rolle. Jedes Teil ist ein Unikat und auch ausrangierten Lieblingsteilen kann neues Leben eingehaucht werden. Dazu fällt der innovativen Unternehmerin ein romantischer Schwank ein. Sie erzählt fast rührig, dass sie für ein befreundetes Paar aus einem alten Kapuzenpullover, den der Mann beim Kennenlernen seiner späteren besseren Hälfte trug, Jahre später eine Hose für den Sohn der beiden anfertigte. Geschichten erzählen ihre Werkstücke ohnehin alle, manchmal sind es sogar die eigenen.

Zufälle und die Fähigkeit mit Vorhandenem zu improvisieren, hat die zwei Frauen in den Rauchpausen vor dem Haus zusammengeführt. Seither treffen sie sich einmal wöchentlich um in ihrem Atelier mit Sorgfalt jedes Kleidungstück zu besprechen. Manchmal dauert es auch länger bis sie sich einig sind. „Fünf Arbeitsstunden waren es zu Beginn pro Stück, mittlerweile sind wir natürlich schon schneller.“  sagt Stramitzer mit ein bisschen Stolz. Die zugeschnittenen Teile fertigt Lenka Weiss dann während der restlichen Woche an. Ein Lehrling hilft ihr dabei, die vorbereiteten Stoffteile zusammenzunähen. „Eine Lehrstelle ist mit dem Projekt finanziert, das Ziel wäre jedoch, einen vollwertigen Arbeitsplatz zu schaffen“ so die Schneidermeisterin.

Großmutters Nähkästchen: Improvisieren als Familientradition
Ihre Rohstoffe, hauptsächlich Pullover, werden bei Caritas und Kontrapunkt für zwei Euro je Stück erstanden. Momentan arbeiten sie aber an der Sommerkollektion, die aus gebrauchten Herrenhemden genäht werden. „Der luftige Stoff ist einfach ideal für den Sommer“ so Weiss, die gerade dabei ist, ein Ungetüm von einem Streifenhemd zuzuschneiden. Eine Pionierin des Upcyclings war bereits ihre Großmutter, weiß die passionierte Schneiderin: „Schon damals hat unsere Oma aus alten Mänteln Hausschuhe für uns gemacht.“ Freilich musste man zu der Zeit einfach erfinderisch sein, das Improvisieren ist aber eine Familientugend geblieben. Während man sich im einen Moment kaum vorstellen kann, dass dieses Ungetüm ein hübsches Kleidungsstück wird, ist es im nächsten Augenblick in einem neuen Guss und hat die Form eines kleinen „OttOs“.

SONY DSC
SONY DSC
SONY DSC
SONY DSC

„Die Kinder haben etwas auf der Haut, sie sind vor der Sonne geschützt und schwitzen trotzdem nicht“ lobt Weiss die Viskosität des Sommerstoffes. Aber nicht nur trend- und umweltbewusste Eltern wissen die aufgemotzten Altkleider zu schätzen, auch die Kinder selbst scheinen durchaus Gefallen an den Unikaten zu finden. Weiss zitiert eine Mutter, die sich einerseits über den Preis der Hosen moniert, aber zugleich erklärt, dass ihr Sohn sich weigere ein anderes Beinkleid anzuziehen. Bewegungsfreiheit könnte auch zum überzeugenden Argument für die Erwachsenenkollektion werden. Stramitzer und Weiss tüfteln seit einiger Zeit an einem Hosenmodell für Erwachsene, Röcke gibt es bereits. „Es geht sich mit dem Stoff einfach nicht aus, dass man die Hosen aus einem Stück schneidert und dann wird es zu aufwändig.“ so Stramitzer, die selbst eine Beta-Version der Erwachsenen-Hose aus petrolfarbenem Feincord trägt.

Raus aus der Öko-Schublade
Da es sich um Unikate handelt, kommen die Leute in ihr Geschäft nicht etwa um Hosen und Röcke zu erstehen, sondern wegen „OttO“ und „AnnA“. Durch die Namensgebung werden Kleider wieder zu persönlichen Schmuckstücken, zu denen man mehr Bezug hat als zur herkömmlichen Stangenware. Zwischendurch verhandeln die Beiden wieder über eine Farbkombination. „Ich finde es lustig, wie sehr sich unsere Stile unterscheiden. Eine Hose von Lenka, hätte ich so nie kombiniert.“  witzelt Stramitzer.

Wichtig ist ihnen jedenfalls, dass sie auf keinen Fall in eine Öko-Schublade gesteckt werden. Nach alten Leinsäcken sollen die Kinder keinesfalls aussehen, da sind sie sich trotz so mancher Meinungsverschiedenheit bei den Details, die „OttO“ und „AnnA“ ausmachen, einig. Der Nachwuchs von Stramitzer macht sich zwischendurch bemerkbar, großer Protest bleibt aber aus und die Designerinnen basteln beseelt an ihren Stücken weiter, die – jedes für sich – wie Sonderanfertigungen behandelt werden. „Seit Kurzem gibt es auch eine Hose für die Kleinsten, die das Kind praktisch von Beginn an tragen kann.“ bemerkt Stramitzer während sie ihren Sohn mit Blickkontakt bei Laune hält.

Wer auf den Geschmack der kleidsamen Bewegungsfreiheit gekommen ist, trifft die „Wiederguts“ auf diversen Märkten in Wien, Graz und Kärnten, im Onlineshop oder am besten in der Schneiderei Weiss – wo „OttO“ und „AnnA“ (auf-) gewachsen sind. Für 38 Euro bekommt man ein fesches Kleidungsstück, ein CO2-neutrales Gewissen und eine (runde oder A-förmige) Geschichte.

Ottoundanna.at

pix: Regina Orter


Redaktion
Hier schreiben die, die immer hier schreiben.
Infos
Businessbeach
DSC03202
Businessbeach
IMG_0120
Termine