Kids
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Von Clemens Huss, Fotos: vom Autor

So werfen Sie Ihr eigenes Kind raus!

Der Traum vieler Eltern – in unserem Hause ist er in Erfüllung gegangen! Mein Kind ist ausgezogen. Mit eineinhalb Jahren! Sie hat ihre Sachen gepackt und schläft nun in ihrem eigenen Zimmer. Fast.

Rote Augen, Konzentrationsprobleme, Erschöpfungszustände. Mama und ich sind müde. Wir haben die Schnauze voll von zerrütteten Schlafphasen und Ringen unter den Augen und wollen wieder mal in Ruhe durchschlafen. Die Lösung: Unsere Tochter muss raus aus dem Schlafzimmer! Mit diesem Ziel vor Augen haben wir einen teuflischen Plan ausgeheckt. Wir werden ihr ein Angebot machen, das sie nicht ablehnen kann! Was zunächst vielversprechend klingt, beginnt für mich wie ein Alptraum. Doch für manche Dinge müssen eben auch mal Opfer gebracht werden.

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In meinem Fall heißt das Möbel schleppen! Kästen, Wickelkommode und Spielzeug finden den Weg aus dem kleineren, bisherigen Kinderzimmer in das größere Bürozimmer, das natürlich vorher von mir leer geräumt wird. Soweit, so gut – der zweite Schritt ist dann allerdings noch etwas unerfreulicher. Ein Einkauf bei IKEA.

Langsam schlurfe ich mit Frau und Kind in die Eingangshalle des gigantischen Einrichtungsbunkers. Tausende Quadratmeter vollgepfercht mit Betten, Schränken, Kommoden und nutzlosen Dekoobjekten warten auf mich. Etliche Wegkilometer der Qual und Pein liegen vor mir. Der kürzeste Weg durch dieses Möbellabyrinth kann – je nach Filiale – bis zu sechs Kilometer betragen, hab ich mir sagen lassen (Angabe ohne Gewähr). Selbst wenn man nur einen popligen Glasuntersetzer kaufen will, muss man diese sechs Kilometer bewältigen. Der Teufel muss Schwede sein! Mein Missmut und Gram werden nur noch vom unbändigen Enthusiasmus meiner Tochter und vom wahnwitzigen Konsumrausch meiner Frau übertroffen. Während die beiden sich sofort einen Einkaufswagen in der Größe eines Kleinwagens schnappen und glucksend wie zwei Hühner in die unendlichen Weiten der Ausstellungshalle flitzen, trabe ich wie ein störrischer Esel hinterher. Wie im Rausch werden von meinen zwei kaufsüchtigen Damen Möbelstücke gesichtet, sondiert und für gut oder schlecht befunden. Mit IKEA-Bleistift kritzelt meine Frau Lagernummern von Betten, Schränken und Kommoden auf ihren IKEA-Block, während meine Tochter schon weiter vorausläuft und die nächsten notierenswerten Gegenstände mit Fingerzeig und lauten Freudenrufen auswählt. Aus Langeweile, und um mir nicht völlig nutzlos vorzukommen, rufe ich den beiden zwischendurch meine halblustigen Entdeckungen zu: „Schaut mal, die Klobürste! Die heißt VIREN. Haha.“, oder „Das wollte ich schon immer mal haben! Ein Bett namens REKDAL! Hihi“.

Etwa drei Stunden später erreichen wir, bis obenhin vollgepackt mit Duftkerzen, Pflanzen, Bettvorlegern, Lampen und Klofussumpuschelungen, das Lager des Grauens. Endlose Gänge beschriftet mit Nummern erstrecken sich in alle Richtungen. Jetzt ist mein großer Auftritt gekommen! Ich bekomme den Zettel mit den Notizen in die Hand gedrückt und darf die Möbelpakete suchen und aufladen. Stunden später ist es geschafft! Zwei Möbelwagerl sind voll beladen, und ich bahne mir den Weg zur Kassa. Jetzt noch bezahlen, Transport organisieren und raus aus dieser Hölle!

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Schaffe, schaffe, Zimmerle baue
Bereits am nächsten Tag trifft der IKEA-Lkw mit unseren erstandenen Gütern ein. Jetzt geht’s los. Möbel zusammenschrauben. HURRA, wie ich mich freue! Meine Beziehung zu Imbusschlüsseln, Schraubenziehern oder generell Werkzeug, egal welcher Art, ist ja eine, ääh naja … Um die Wahrheit zu sagen: Ich und Werkzeug, wir passen so gut zusammen, wie ein Spanferkel auf eine Veganertagung. Und in der Tat werde ich beim Zusammenbauen eines IKEA-Möbelstücks regelmäßig zum cholerischen Despoten. Alleine das Aufblättern der Aufbauanleitung geht mit akutem Reizdarmsyndrom und Magenbluten einher. Aber es gibt Zeiten, in denen ein Mann Mann sein muss. Also mache ich mich mit Blutschwaden vor den Augen an die Arbeit. Nach zwei Stunden Fluchen und Arbeiten am ersten Kasten, erlebe ich mein erstes Waterloo. Bretter falsch zusammengeschraubt! „RAAAAAAHH“, brülle ich wie King Kong, dem man eine Banane geklaut hat. Kommando zurück! Alles wieder auseinanderbauen und diesmal richtig zusammensetzen! In Gedanken zähle ich langsam bis 10, atme dreimal tief durch und mache weiter. Aggressionsprobleme? Nein, alles halb so schlimm.

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Irgendwann, nach gefühlten Wochen des Aufbaus und mehreren Nervenzusammenbrüchen, ist es schließlich vollbracht. Mit stolzgeschwellter Brust präsentiere ich das fertig eingerichtete Zimmer Frau und Tochter.

Erschaffen mit meinen eigenen schwieligen Händen – ein Zimmer, wie aus einem Designermagazin. Mehr noch. Ein Zimmer, so wunderschön, dass es zwischen den Engeln im Himmel Neid und Missgunst säen würde. Ein Zimmer als Realität gewordener Kindertraum, in dem sich von Michel aus Lönneberga bis Pippi Langstrumpf alle Kids, insbesondere skandinavische, mit Sicherheit wohl fühlen würden. Elegant schmiegt sich die erotische Hausschuhablage „Lustifik“ an den überaus bequemen und stylischen Sessel „Klackbo“ und den extravaganten Kleiderschrank „Pax“. Gleich gegenüber, auf der anderen Seite des edlen Teppichs „Mullerup“, steht das vielversprechende Bett „Gutvik“ samt Matratze „Hamarvik“, die mit der Bettwäsche „Krumelmur“ frisch überzogen ist. Für den letzten Schliff sorgen blasslila Wandfarbe und Dekoelemente, die das doch etwas verruchte Ambiente (Danke IKEA!), etwas auflockern und kindestauglich machen. Alles in allem sehr gelungen. Das findet auch meine Tochter, die sich nach getaner Arbeit mit einem lauten „JAAA-HAAAA-AAAHH“ auf das Bett stürzt und voller Vergnügen auf und ab hüpft.

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„Ausgezeichnet“, schießt es mir durch den Kopf während ich mir zufrieden die von den Schrauben aufgeschlitzten Hände reibe. Der erste Teil unseres teuflischen Plans „Kinderfreies Schlafzimmer“ ist umgesetzt. HARHARHAR.

Doch nach etwas Eingewöhnungszeit bleibt uns das Lachen im Halse stecken. Das Kinderzimmer wird von meiner Tochter zwar voll akzeptiert, doch das Durchschlafen darin nicht. Regelmäßig und spätestens bis 1 Uhr früh findet unsere Tochter – immerhin auf eigene Faust – den Weg aus dem Kinderzimmer ins Schlafzimmer, wo sie mir beim Entern des elterlichen Bettes traumverloren ihre süßen kleinen Füßchen und Knie in Magen und Weichteile rammt. Spätestens dann ist mit der Nachtruhe Essig und der kleine Schlafräuber mit vollem Einsatz bei der Sache.

Zahlenspiele der kreativen Raumnutzung
Unser Schlafzimmer ist etwa 4 Meter breit. 1,80 Meter davon nimmt, der Breite nach, unser Bett ein. Meine Schultern messen von links nach rechts 60 Zentimeter. Teilt man unser Bett in drei gleiche Teile stehen nach Adam Riese genau diese 60 Zentimeter Platz für jeden der drei SchläferInnen zur Verfügung. (Ich lasse hier mal außer Acht, dass ich am Größten bin und eigentlich auch den meisten Platz für mich beanspruchen dürfte.) Theoretisch. In der Praxis sieht das natürlich etwas anders aus: Meine Tochter nimmt mit ihren stattlichen Schultern von 20 Zentimetern Breite geschätzte 100 Zentimeter, das sind fast 56%, in Worten „SECHSUNDFÜNFZIG PROZENT“ des Bettes ein. Links und rechts davon kämpfen Mama und ich darum nicht unvorbereitet und hart auf dem Boden aufzuschlagen.

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Wie sie das schafft? Nun, ganz einfach: durch eine relativ „kreative“ Nutzung des ihr zur Verfügung stehenden Raumes. Bevor sie uns pünktlich um 6 Uhr früh mit lauten „AUF! AUF! AUF!“-Rufen und wildem Herumgehüpfe freundlich den neuen Tag ankündigt, dreht sie sich im Schlaf stundenlang, wie ein Propeller, im Kreis. Mit ihren Füßen tritt sie mir abwechselnd in Gesicht, Brust und Bauch und mit ihrem Kopf sorgt sie dafür, dass Mama bloß nicht zu lange schläft. Herrlich!

Wohl oder übel müssen wir uns das Offensichtliche eingestehen: Unser wohl überlegter Plan ist fehlgeschlagen und weitere schlaflose Nächte stehen uns bevor. Spätestens in der Pubertät, sagen wir uns, sollte sich dieses Problem von selbst lösen. Bis dahin werden weiter Augenringe gesammelt.

 


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Clemens Huss
Clemens Huss Geboren in Tirol, aufgewachsen in Kärnten. Papa seit 2013. Selbstständig als Texter, Webdesigner und Experte für Online Kommunikation ..
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