PARTY
JohannesWouk_IMG_5648_LOWRES
Dieser Artikel wird unterstützt von

Von Johannes Wouk, Fotos: Johannes Wouk((stereo))

„Wir sind zach!“

Marina und Marco Virgolini machen seit 10 Jahren Krach in Klagenfurt. Ihr ((stereo)) ist, nach eigenen Angaben, der einzige Großstadtclub Kärntens. Sepultura, Moneyboy, Seiler&Speer, Bilderbuch und sogar die gar nicht guten, aber ziemlich alten Sportfreunde Stiller spielen dort regelmäßig auf. Wie haben sie solange überlebt? Also die Virgolinis, nicht die Sportis…

Normalerweise ist die Hütte gerammelt voll, es ist saulaut, und stinkt nach Schweiß vom Tanzen, Alk vom Saufen, schlechtem Parfüm vom schlecht Parfümierten. Aber als wir das ((stereo)) an einem Dienstagvormittag betreten, liegt es ganz still und dunkel da. Der Teppichboden ist frisch shampooniert, die Bar ist geputzt und die Tontechnik fein säuberlich aufgeräumt. Alles ruhig. Bis die Chefin um die Ecke biegt und uns mit ihrer rustikal charmanten Moosburger-Art zu einem Ramazotti einlädt bzw. zwingt. „Wie in alten Zeiten“, meint sie. Und da sind wir dann auch schon beim Thema:

IMSÜDEN.AT: Also Marina, wie wird man ((stereo))? Wie haben Marco und du euch kennengelernt?
Marina Virgolini: Das ist ja schon gar nicht mehr wahr (lacht). Das war Anfang bzw. Mitte der Neunziger, Marco war Deephouse-DJ und ich war in der Eventgastronomie…

JohannesWouk_IMG_5640_LOWRES

IMSÜDEN.AT: „Dann hat sie sich zum ersten mal verliebt / Er hieß Jon, war DJ und sagte komm’ mit / Die beiden waren ganz schön verrückt / Und haben gleichzeitig auf alle Knöpfe gedrückt“
Marina Virgolini: Ja da haben die von 2Raumwohnung nicht Unrecht gehabt (lacht). Aber wir waren eigentlich nicht so verrückt, es war eher viel zu tun (lacht). Ich hab bei vielen Eventagenturen gejobbt, bei ACTS, in Deutschland, in Kitzbühel – überall was gelernt – und Marco war mitten im Technowahnsinn der Neuniziger…

IMSÜDEN.AT: Darf man „Techno“ überhaupt noch sagen?
Marina Virgolini: Ich schon, weil ich bin alt genug (lacht). Damals war die Technoszene in Wien ja g’rade erst im Entstehen. Das war praktisch noch Underground. Dann kamen die ersten größeren „Raves“ im Gasometer, noch so ein Wort, das heute verpönt ist, „Rave“ (lacht). Dort hab ich Marco kennengelernt.

STEREO_sterman mav_LOWRES

 

IMSÜDEN.AT: Und dann habt ihr in Kärnten auch so einen „Techno-Rave“ für die jungen Leute gemacht?
Marina Virgolini: Naja, das hat dann schon noch etwas gedauert. Wenn was in Wien Underground ist, ist es bei uns hier natürlich noch gar nicht existent. Das ist heute auch noch so. Aber 1995 war die Zeit dann reif und wir haben einen Tunnelrave gemacht. In einem Tunnel der Autobahnumfahrung beim Flughafen in Klagenfurt. Da waren über 2.000 Leute… ein riesen Erfolg!

IMSÜDEN.AT: 2.000 Leute, die in einem Autobahntunnel zu Techno raven? Wie geil!
Marina Virgolini: Ja, sowas ging damals noch. Heute, mit den ganzen Vorschriften und Behörden kriegst sowas sicher nicht mehr hin, aber vor 20 Jahren lief das. Das einzige Problem war, dass wir nicht so richtig bedacht hatten, dass du ja von zwei Seiten in einen Tunnel kannst… Wir haben nur eine Seite kontrolliert (lacht).

IMSÜDEN.AT: Mhm… hätte man dran denken können. Aber hey, es waren die Neunziger, andere haben damals weit schlimmere Fehler begangen

Marina Virgolini: Haha, ja, allerdings. Die Kellys haben heute noch Auftrittsverbot bei uns im Club.

IMSÜDEN.AT: Apropos, wie kamt ihr aus dem Tunnel ins ((stereo))?
Marina Virgolini: Nach dem Tunnelrave kamen viele Leute auf uns zu, so hat sich ein Netzwerk entwickelt. Der nächste Schritt war dann eine Kooperation mit den XXX-Leuten aus Wien, die die Gasometer-Raves gemacht haben, aus der dann ein Rave „Obsession“ in der Villacher Alpen Arena wurde. Damals hat ganz Villach den Bass wummern gehört. So viele Anzeigen in einer Nacht hat es noch nie gegeben (lacht). Dann ging’s mit der Marke „Obsession“ weiter und wir haben Terra Mystica erobert.

JohannesWouk_IMG_5653_LOWRES

IMSÜDEN.AT: Also vom Tunnel über die Schanze ins Bergwerk? Na, da wird es dann wohl weniger Anzeigen wegen Lärmbelästigung gegeben haben
Marina Virgolini: Ja, das war dort kein Problem. Das waren überhaupt sehr coole Veranstaltungen damals im Bergwerk, aber auch das ginge heute nicht mehr. Die amtlichen Auflagen sind in den letzten Jahren einfach viel mehr geworden. Das schränkt die Szene natürlich ein. Da kannst du fast nur noch in genehmigten Veranstaltungsstätten, wie bei uns im Club, was machen. Schade eigentlich.

IMSÜDEN.AT: Aber da sind wir jetzt dann doch endlich beim Thema Club gelandet. Wie ist das ((stereo)) entstanden?
Marina Virgolini: Da haben wir jetzt wirklich etwas weit ausgeholt (lacht). Es war einfach so, dass sich durch die ganzen Veranstaltungen herauskristallisiert hat, dass Kärnten eine permanente, professionelle Veranstaltungslocation in der richtigen Größe fehlt. Also haben wir uns auf die Suche gemacht. Marco war damals hauptberuflich Bühnetechniker auf der Wörtherseebühne und an der Alten (Neuen) Bühne Villach und so haben wir unsere Augen und Ohren immer offen gehalten, wo wir eine passende Immobilie finden. Eines Tages ist Marco dann über dieses Lokal hier gestolpert. Das wurde damals gerade ausgeräumt. Hat ja schrecklich ausg’schaut hier, Plastikpalmen und ein Bambushäuschen für den DJ (lacht).

JohannesWouk_IMG_5656_LOWRES

IMSÜDEN.AT: Im alten „Tanzcafè Viktor“ kam eben noch echte Karibikstimmung auf.
Marina Virgolini: Wenn du meinst. Jedenfalls haben wir dann umgebaut und seither gibt’s das ((stereo)) im Süden. Mit der Zeit hat sich unser Netzwerk erweitert und wir sind mit den großen Booking-Agenturen in Kontakt gekommen. Eigentlich wollten wir es ja nur ein Jahr lang mal probieren. Jetzt sind’s zehn.

IMSÜDEN.AT: Und in den zehn Jahren ist sicher viel passiert
Marina Virgolini: Ja, frage nicht… Es haben sich Dramen abgespielt hier herinnen.

IMSÜDEN.AT: Erzähl!
Marina Virgolini: Das darf man ja gar nicht alles erzählen. Was Backstage war, bleibt Backstage (lacht). Aber zum Beispiel der Moneyboy, der wollt’ nach der Show gar nicht mehr heimgehen, hat mit seinen Groupies hinten Party gemacht bis zum nächsten Tag… Wir wollten schon längst heim, aber der hat einfach nicht aufgehört.

JohannesWouk_IMG_5671_LOWRES

IMSÜDEN.AT: Bremser! Wär doch sicher cool mit Moneyboy Backstage feiern, als gäbe es kein Morgen mehr?
Marina Virgolini: Aber es gibt eben ein Morgen. Für Marco, mich und unser Team ist nach der Show immer vor der Show. Wir müssen alles zamräumen, abrechnen, für den nächsten Tag die Getränke einkühlen usw., da ist nix mit Party.

IMSÜDEN.AT: Ist also doch eher ein harter Job?
Marina Virgolini: Wir haben es uns schließlich so ausgesucht und es macht auch irrsinnig viel Spaß! Es passieren ja auch die lustigsten Sachen (lacht). Der Vladimir Kaminer ist zum Beispiel über unsere drei Eingangsstufen – die schon einigen zum Verhängnis geworden sind – kopfüber in einen riesigen Schneehaufen geplumbst (lacht). Und dann ist auch noch seine teure Russenmütze in dem Haufen stecken geblieben. Also haben wir alle in den frühen Morgenstunden im Schneehaufen gewühlt. Ein Bild für Götter (lacht)!

JohannesWouk_IMG_5682_LOWRES

IMSÜDEN.AT: (lacht) Ja, das klingt nach Spaß! Aber es gibt doch sicher auch viele Schlägereien usw.
Marina Virgolini: Nein, das hält sich in Grenzen. Wir haben ein tolles Security-Team. Sogar bei den wirklich großen Shows, wie bei Sepultura, wo der Club brechend voll ist, passiert da nix. Manchmal spielen sich Eifersuchtsdramen ab (lacht). Einmal hat eine ihrer Rivalin einen Sektkübel voller Wasser, Asche und Tschickstummel über Kopf geleert, das war schon denkwürdig (lacht). Und einmal hat sich einer Backstage in einem Kasten unter der Bar versteckt, damit wir ihn einsperren… seither schau’n wir immer und überall nach. Man weiß ja nie, was den Leuten einfällt (lacht).

IMSÜDEN.AT: Gutes Stichwort! Was fällt euch noch ein? Was würdet ihr noch gerne realisieren?
Marina Virgolini: Wir würden sicherlich gerne wieder mehr Theaterproduktionen machen. Da hatten wir schonmal eine sehr erfolgreiche Jugendtheaterschiene, aber dann blieben die Subventionen aus, also mussten wir aufhören. Generell gibt es immer weniger Subventionen, darunter leidet die Vielfalt in der Jungendkultur besonders. Früher gab es ja noch viel mehr Veranstalter, heute sind es in Klagenfurt nur noch wir und das Kwadrat, in Villach der Kulturhofkeller und ein paar gute gibt es noch in den Dörfern, dass war’s dann aber auch schon. Eigentlich ziemlich traurig.

JohannesWouk_IMG_5685_LOWRES

IMSÜDEN.AT: Na wenn das so ist: Wann hört ihr endlich auf?
Marina Virgolini: Wir? Wir sicher nicht so schnell, wir sind zach! Aber es kommt halt wenig nach. Leider! Es ist ja auch mit den Ämtern nicht so leicht. Wir versuchen zum Beispiel seit Jahren einen Sommerclub in der Ostbucht zu machen, nur für ein, zwei Monate. Aber das kriegst du nicht durch. Das ist schwierig, aber wir lassen uns nicht unterkriegen, wär ja noch schöner!

IMSÜDEN.AT: Na also, das wollten wir hören! Viel Spaß in den nächsten 10 Jahren ((stereo))!


TINEFOTO_IMSÜDEN Launch-Party 2014-05-28_029_LOWRES
Johannes Wouk
Johannes Wouk hat studiert. Er hat aber auch gearbeitet. Heute ist er selbstständig, schreibt und macht was mit Kommunikation. Für IMSÜDEN.AT ..
Infos
Businessbeach
DSC03202
Businessbeach
IMG_0120
Termine