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Von Clemens Huss, Fotos: vom Autor

Von Eliteunis gejagt und Heidi Klum bewundert

Wildes Gestikulieren und Zeichensprache sind ja sowas von out, nonverbale Verständigung ein alter Hut. Meine 1,5-jährige Tochter geht mit der Zeit, entwickelt ihren eigenen, trendigen Slang und rettet so ganz nebenbei Griechenland vor der Pleite. Gagaiiihh!

Nach langen Monaten in welchen sich meine Tochter maximal durch Zeichensprache, lautes Brüllen oder Meckern verständlich machen konnte, entwickelte sich in letzter Zeit langsam aber doch ein gewisses Verständnis für Sprache.

Anfangs ließen sich Aussprache und Sinn vieler Begriffe nur mit Fantasie und Geduld deuten, aber mit etwas Übung und gutem Willen kann sie sich nun schon in vielen grundlegenden Dingen des täglichen Lebens mitteilen. Diese grundlegenden Dinge reichen von Fragen der Kleidungswahl über das Stillen von natürlichen Bedürfnissen bis hin zum Konstatieren von persönlichen Befindlichkeiten und sogar Formulieren von hoch philosophischen Überlegungen.

Hier ein kleiner Auszug aus ihrem Vokabular in streng nicht-alphabetischer Reihenfolge:

ahzieh
= anziehen

Wird oft in Kombination mit „auzieh“ (= ausziehen) verwendet. Am häufigsten gebraucht früh am Morgen, wenn es um die Klamottenauswahl geht. So ungeduldig meine Tochter in vielen Dingen des Lebens ist, soviel Geduld bringt sie hier auf. Stundenlanges an-, aus- und wieder anziehen von verschiedensten, teils absurden Kleidungsstücken (z.B. Papas Unterhosen oder Mamas Stöckelschuhe) gehört fast schon zur Tagesordnung. Nicht fehlen darf dabei natürlich das Begutachten und Posen vor dem Spiegel. Heidi Klum hätte ihren Spass. Ich nicht!

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Ohsi
= Hose

Generell scheint sie sich Bezeichnungen von Kleidungsstücken leichter zu merken als von anderen, meines Erachtens viel wichtigeren Dingen, wie etwa „Fußball“, „Bier“ oder „Büstenhalter“. „Ohsi“, „I-Schöh“ (= T-Shirt) oder „Schui“ (= Schuhe) kommt dafür problemlos über ihre Lippen.

Gagaiiih!
= Kakao

Erstmals im Griechenland-Urlaub beim morgendlichen Kakaotrinken verwendet. Mama kann unserer Begeisterung für Kakao allerdings nicht so viel abgewinnen: „Ungesund, zu viel Zucker, blablabla!“ Habe daraufhin gemeinsam mit meiner Tochter den Ausruf „AIHNS, SWAIIH, DAIIH – GAGAIIIHHH!“ (=EINS, ZWEI, DREI – KAKAOOUU!) entwickelt, den wir nun jeden Morgen lauthals wie eine Horde besoffener Fußballfans in Richtung Mama brüllen. „GAGAIIIH!“ wird von meiner Tochter seitdem häufig auch als genereller Ausdruck der Freude gebraucht. Synonyme hierzu wären beispielsweise „JUHUUU!“ oder etwa „YIPPIIIEE!“, neumodisch auch „YOLO!“.

Aihs
= Eis

In unserem Griechenland-Urlaub neben Kakao Grundnahrungsmittel und eines ihrer Lieblingswörter. Mehrere Sattelschlepper vollgepackt mit Eis haben den Weg aus der griechischen Eskimo-Fabrik in den kleinen Magen meiner Tochter gefunden. Äähm … also das Eis. Ganz ohne Sattelschlepper. Der Eisverkäufer unseres Vertrauens hat mir jedenfalls schon mal in einem handgeschriebenen Brief gedankt. Die Ausbildung seiner sieben Kinder sei nun dank unseres Eiskonsums gesichert und der Finanzhaushalt Griechenlands saniert. So funktioniert Schuldenabbau, liebe EZB und lieber IWF!

Äh-äh-äh
= Ich will das!

Geht einher mit einem Fingerzeig auf das Objekt des Begehrens. Erfüllen wir ihren Wunsch nicht sofort, wird die Intensität gesteigert und der Ausdruck in Stimme und Gestik fordernder. Etwa so: „ÄH-ÄH-ÄH-ÄÄÄHH-ÄÄÄÄHHÄÄHH!“ Dabei wird dann der ausgestreckte Arm und Zeigefinger wie wild auf und ab geschwenkt.

Bagga
= Bagger

Seit bei uns um die Ecke eine Wohnanlage gebaut wird, eines ihrer absoluten Lieblingswörter. Mindestens einmal stündlich verlangt sie seitdem einen Spaziergang zur Baustelle mit lauten „BAGGA! BAGGA! BAGGA!“-Rufen. Da wir uns die regelmäßigen Baustelleninspektionen ersparen wollen, haben wir uns darauf geeinigt zwischendurch Videos von Baggern auf YouTube anzusehen. Interessanterweise ist die Anzahl der Zeichentrickbagger-Videos auf YouTube und der Klicks, die diese Videos generieren höher als die Klicks der meisten Beatles-Videos. Die Rolling Stones stinken gegen Max den Bagger sowieso ab.

Ticktack
= Uhr

Zeit ist Geld! Oder doch nur Schall und Rauch? Meine Tochter ist ein Genie und hat entweder die gesellschaftliche Bedeutung oder – viel wahrscheinlicher – den philosophischen Diskurs rund um Zeit schnell erkannt und „Ticktack“ als eines der ersten Wörter überhaupt in ihren Sprachschatz aufgenommen. Die Bewerbungsunterlagen für die philosophische und physikalische Fakultät in Harvard sind jedenfalls schon mal abgeschickt.

Techä
= Universalwort

Ein Meilenstein der Linguistik! Ein Wort, das jederzeit und in allen Situationen verwendet werden kann und nie deplatziert oder unpassend wirkt! Wird von meiner Tochter immer dann eingesetzt, wenn die Vokabeln für einen Gegenstand, eine Tätigkeit oder eine komplette Antwort fehlen und sie trotzdem besonders schlau wirken will. Ein Beispiel aus einem alltäglichen Tischgespräch bei uns zuhause verdeutlicht die Genialität dieses Begriffs. Frage: „Lena! Inwiefern korreliert die US-amerikanische Krisenintervention im nahen Osten mit dem metaphysischen Solipsismus unter Schopenhauer, retrospektiv betrachtet?“ Antwort: „Techä!“. Passt! Klar. Deutlich. Präzise. Harvard hat schon angerufen!

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Wauwau
= Hund

Kann aber auch für Füchse, Wölfe, Dingos, Alpacas und eigentlich fast alles was vier Beine hat, stehen. In den meisten Fällen ist damit aber immer noch ein Hund gemeint, was auch das absolute Lieblingstier meiner Tochter ist! Egal ob abgerissene Säufer-Promenadenmischung oder halb verhungerter Junkee-Schäfer im Lendhafen – sobald sich solch ein Köter auch nur auf hundert Meter nähert, startet sie wie eine Bekloppte los und legt ein, zwei Meter vor dem Tier eine Vollbremsung hin. Ein gewisser Sicherheitsabstand muss sein! Könnte ja doch beißen, das Vieh …

Piep-piep
= Vogel

Ein Sammelbegriff für alle Arten von Vögel. Kann verwendet werden für Hühner, Spatzen, Raben oder Adler. Eigentlich kann damit die gesamte Bandbreite der ornithologischen Fauna bezeichnet werden.

Gaga
= Kot, Exkrement und vieles mehr

Oft, wie im normalen Sprachgebrauch üblich, die Bezeichnung für Kot. Gleichermaßen aber auch für Urin. Kann praktischerweise auch für alles was schmutzig und dreckig erscheint oder aber einfach nicht gut schmeckt, verwendet werden. Hat mit hoher Wahrscheinlichkeit nichts mit der ausgeflippten amerikanischen Popsängerin zu tun.

Tugga
= Zucker, Zuckerl

Wird von ihr mit etwas Positivem assoziiert und auch oft verlangt. Steht meistens für „Zuckerl“, oft aber generell für Süßigkeiten. Mama und ich haben das natürlich schamlos ausgenutzt und auch unappetitliche Dinge, wie z.B. Medizin oder Tabletten als „Tugga“ bezeichnet. Seitdem stürzt sie sich wie ein ausgehungertes Krokodil auf alles was wir ihr als „Tugga“ anpreisen. Kann mitunter sehr praktisch sein!

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Weitere Begriffe, kurz erklärt:

Tütüt
= Sammelbegriff für Einsatzfahrzeuge von Polizei, Feuerwehr und Rettung

Puuh
= Mir ist kalt.

Ham
= Ich will essen!

Ah-Ohto
= Auto

Appa
= Hoppa (sie will getragen werden)

Zu all diesen Wörtern gesellt sich ein gewisses Basisvokabular, das bereits unfallfrei ausgesprochen werden kann. Das sind dann Begriffe wie: Ja, Nein, Mama, Papa, Oma, Opa, Ei, Bub, Auf! (immer im Befehlston und mehrmals wiederholend „AUF! AUF! AUF!“ – frei übersetzt „Bewegt endlich eure faulen Hintern vom Sofa/aus dem Bett/aus dem Sessel etc.!“).

Besonders freut mich auch das Wort „Bitte“, welches sie absolut fehlerfrei, bei jeder sich bietenden Gelegenheit, verwendet. Ein wirklich wohlerzogenes Kind! Vielleicht schicken wir sie ja doch nicht nach Harvard. Wie ich hörte, soll es ja auch in England, dem Land der Höflichkeit, gute Unis geben!


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Clemens Huss
Clemens Huss Geboren in Tirol, aufgewachsen in Kärnten. Papa seit 2013. Selbstständig als Texter, Webdesigner und Experte für Online Kommunikation ..
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