Erfahrung erzählt
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„Wir zünden den Funken und setzen auf die Mutigen.“

Wie man Kiebitze ausbremst, Mutige fördert und zur ersten SLOW FOOD Travel-Region wird, fragen wir Tourismus Profi Christopher Gruber in der neuen IMSÜDEN.AT-Serie: „Erfahrung erzählt“.

Nach der Südrast geht’s von der Autobahn rechts ab ins Gailtal. Es ist relativ warm. Auf den Feldern liegt, wie hin gezuckert, ein Flaum von Schnee. Schon lange her, dass ich Richtung Nassfeld gefahren bin. Normalerweise lenkt mein Auto mich automatisch Richtung Süden. Schade eigentlich, weil mich viele interessante Erlebnisse mit dieser romantischen Gegend verbinden.

In Hermagor angekommen, treffe ich Christopher Gruber, Geschäftsführer der NLW Tourismus Marketing GmbH also für’s Nassfeld, Lesachtal und den Weissensee zuständig. Er ist ein „Alter Hase“ in der Branche und hat in seinem Berufsleben viele Facetten kennengelernt.

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Er ist mein erster Interviewpartner zum Thema „Erfahrung erzählt“. Mich interessiert, was sich in den letzten 30 Jahren im Tourismus verändert hat. Ob und was man aus Fehlern lernt und wohin die Reise geht. Natürlich rein subjektiv und aus seiner Perspektive betrachtet. Aus der eines Unangepassten, der gerne konstruktiven Widerstand leistet. Vor allem, wenn es der Politik alle paar Jahre bloß um die Veränderungen von internen Strukturen geht, anstatt alle Kraft auf die Sache, die Umsetzung von Maßnahmen, zu fokussieren.

IMSÜDEN.AT: Man sagt: wenn einer in Kärnten eine Kerze anzündet, kommen fünf um sie auszublasen. Ist das eine typisch kärntnerische Mentalität?
GRUBER: Ja, das kenne ich und es mag schon sein, dass die Tradition des Verhinderns bei uns besonders ausgeprägt ist. Was mir aber noch viel mehr auf den Geist geht, ist die Unart Leistungen immer von den anderen einzufordern, anstatt selbst den ersten Schritt zu setzen. Wir haben leider zu viele Kiebitze und zu wenige Player. Das blockiert die Entwicklung ungemein. Da gibt es nach meiner Erfahrung auch nur ein probates Mittel dagegen.

IMSÜDEN.AT Den Blockierern bildlich gesprochen in den Allerwertesten treten?
GRUBER: Wir machen es umgekehrt. Wir holen die Aktiven gezielt ins Boot und lassen die Bremser vorerst links liegen. Wir zünden den Funken und bei der Verwirklichung setzen wir auf die Mutigen. Und die finden sich auch in unserer NLW Region (Nassfeld, Lesachtal, Weissensee) öfter als man annehmen möchte. Wenn es sich dann abzuzeichnen beginnt, dass eine Idee oder Maßnahme funktioniert, erleben wir oft einen Umbrella Effekt, d.h. andere ziehen nach.

MTB Gruber Jadersdorfer Alm u. Karnische Alpen 160710

IMSÜDEN.AT: Aber die sprichwörtliche Macher Qualität findet man doch eher selten hierzulande.
GRUBER: Auch wenn wir Kärntner zumeist leider nicht mit dem Selbstbewusstsein und der Anpackmentalität der Tiroler gesegnet sind, gibt es auch bei uns viel mehr Macher als man glaubt. Der bekannteste ist wohl unser Nassfeld Pionier Arnold Pucher sen. Ihm und seinen Mitstreitern ist es zu verdanken, dass das Nassfeld heute zu den Top Schigebieten in Europa zählt.

IMSÜDEN.AT: Du bist jetzt seit 30 Jahren im Tourismus tätig, was hat sich in dieser langen Zeit verändert: die Gäste, unser Verhalten ihnen gegenüber, unsere Angebote oder was sonst?
GRUBER: Die Bedürfnisse unserer Gäste haben sich nicht allzu sehr verändert. Wir haben nur nicht immer so ausführlich auf ihre Bedürfnisse geachtet wie heute. Und wir haben als Gastgeber viel zu oft selbstorientiert gehandelt und dabei auf die wichtigsten Umgangsformen mit den Gästen vergessen.

IMSÜDEN.AT: Die da wären…
GRUBER: Wir reden heute gerne von Willkommenskultur, vergessen aber auf so Grundsätzliches wie: Bitte, Danke, Pfiat di und Griaß di. Du lachst, aber das ist das verdichtete Ergebnis aus allen Gästebefragungen wenn es darum geht ob sich die Gäste willkommen fühlen oder nicht. Die Gäste kommen zu uns weil sie vor allem heraus aus der Anonymität wollen. Sie wollen persönlichen Kontakt statt Massenquartier. Als Dienstleister müssen wir also die Lust und Freude an der Kommunikation mit dem Gast wiederfinden. Ihm zuhören und Aufmerksamkeit widmen. Heißt aber nicht, dass er sich sein Bier selber einschenken darf.

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IMSÜDEN.AT: Es liegt also an unserem Verhalten als Gastgeber. Oder doch wohl eher an der fehlenden Infrastruktur.
GRUBER: Ich wiederhole: Nach tausenden Gästebefragungen und persönlichen Gesprächen, vor allem auch mit Einheimischen, steht fest: Es liegt zuerst an unserem persönlichen Verhalten und erst dann an der Infrastruktur. Nachsatz: Und auch daran, dass wir viel zu oft infrastrukturelle Maßnahmen nur für die Gäste maßschneidern anstatt für uns selbst, die Einheimischen.

IMSÜDEN.AT: Hoppla, das klingt jetzt aber fast ketzerisch und spricht gegen die gängigen Lehren der Tourismusbranche. Gilt denn die Devise: „Alles für den Gast“ nicht mehr?
GRUBER: Doch, weil alle Maßnahmen letztendlich den Gästen zugute kommen.
Aber es kommt auf den Weg an. Mindestens 80% der Gäste kommen schon seit Menschengedenken aufgrund von Empfehlungen zu uns. Empfehlungsmarketing ist also das Schlüsselwort, daran hat sich auch im digitalen Zeitalter nichts geändert. Empfohlen wird nur wenn man zufrieden ist. Das gilt sowohl für Gäste aber natürlich auch für Einheimische. Daher: wenn unsere eigenen Leute die Infrastruktur nutzen können und zufrieden sind, werden sie das den Gästen wesentlich authentischer empfehlen können.

IMSÜDEN.AT: Liegt das nicht auf der Hand?
GRUBER: Tatsache ist, dass wir immer nur in Richtung Gast gedacht haben.
Ja, es hat lange gebraucht, bis wir das begriffen haben dass wir zuerst an uns selbst, die Einheimischen, denken müssen. Aber jetzt investieren wir in Strukturen die nachhaltig sind und die wir selber gerne nutzen. Die Gäste können natürlich daran teilhaben. Und das tun sie auch.

IMSÜDEN.AT: Klingt so, als ob ihr nicht mehr vom Markt zum Produkt, sondern umgekehrt denkt. Klassisches Marketing funktioniert aber in der Regel anders herum.
GRUBER: Wir vertrauen unseren Erfahrungen mehr als jeder Theorie. Für uns ergibt sich ein klares Bild. Daher: Zuerst kommt der Gastgeber, dann das Produkt und erst dann bearbeiten wir den Markt. Zu oft sind wir schon in der Vergangenheit auf vermeintliche Markttrends aufgesprungen die sich dann als kurzlebige Moden herausgestellt haben. Und was nützt uns jeder Trend, wenn wir ihn nicht authentisch befriedigen können. Wir bauen lieber auf vorhandene Kompetenzen, verstärken diese und fahren gut damit.

IMSÜDEN.AT Mit Berge und Seen hat euch die Natur reich beschenkt. Aber andere Regionen auch. Was also ist euer Alleinstellungsmerkmal?
GRUBER: Ich behaupte die Natur hat uns reicher beschenkt. Gäste suchen das Panorama und wollen immer den See im Blick haben. Bei uns finden sie diese Situation in jeder Jahreszeit und bei nahezu jeder Sportart. Jetzt initiieren wir aber ein langfristiges Konzept dass perfekt in unsere Region passt: Das Gailtal und das Lesachtal und in weiterer Folge der Weissensee werden zur weltweit ersten SLOW FOOD Travel-Region. Wir machen das im Auftrag von SLOW FOOD International und die bekannte TV-Moderatorin und Slow Food Expertin, Barbara van Melle begleitet uns in der Umsetzung.

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IMSÜDEN.AT: Das wir also eine neue Erlebnisqualität für Einheimische wie für Gäste.
GRUBER: Alle können und sollen daran teilhaben und den Zyklus unserer Lebensmittelproduktion, von der Aussaat über die Produktion bis zum fertigen Gericht, mit erleben. Und sollen sie natürlich auch bei unseren heimischen Wirten genießen.

IMSÜDEN.AT: Mir fallen aber doch einige Namen ein, die schon jetzt Einzigartiges anbieten. Bachmann, Zankl, Brandstätter…
GRUBER: Ja, und es gibt noch weitere, aber die meisten sind Einzelkämpfer die sich mühsam ihre eigenen Absatzmärkte suchen. Mit diesem Konzept findet jetzt eine Vernetzung statt. Die positiven Auswirkungen gehen sogar so weit, dass unsere jungen Leute Interesse zeigen und bereit sind hier zu bleiben. Oder sogar wieder nach Hause kommen. Also ist das auch ein Konzept gegen die Landflucht und das ist schon einzigartig. Darauf bin ich wirklich stolz.

IMSÜDEN.AT: Der Zug fährt also und eure Aufgabe ist es jetzt wieder einmal möglichst viele Mutige zu finden die bereit sind mit zu gehen und auch eigene Ideen einzubringen.
GRUBER: Ja, und wir schaffen das. Die Kiebitze verstummen dann von selber und den Kerzenausbläsern bleibt die Luft weg.

Zur Person:
Christopher Gruber. Geboren am 14.06. 1959 in Velden. Verheiratet. Ein, im IT-Bereich bereits sehr innovativer Sohn.

Nach dem Tourismus Kolleg in Klessheim, Praktika in Pörtschach und Bad Kleinkirchheim.

Mit 23 Jahren war er bereits jüngster Tourismusdirektor Österreichs und zwar in Heiligenblut/Großglockner.

Dann 17 Jahre Tourismusdirektor am Weißensee und Weissensee-Motor für die Alternative holländische 11-Städtetour. (Vier Jahre davon auch GF der Karnischen Tourismus GmbH, gemeinsam mit Dr. Kurt Genser).

Danach als Geschäftsführer in der Tourismusagentur von Max Strafinger sowie Geschäftsführer der Qualitätsinitiative von Best Health Austria.

Seit 8 Jahren wieder in Hermagor. Zuerst als Marketingmanager für die Betriebs- und Liftkooperation „KIG Karnische Incoming GmbH und seit 2014 auch Geschäftsführer der NLW Tourismusmarketing GmbH in Hermagor. (Geschäftsführung gemeinsam mit Markus Brandstätter der auch gleichzeitig das Tourismusbüro der Stadtgemeinde Hermagor – Presseggersee leitet.)

Sein Credo: Erfahrene und junge Menschen zusammenarbeiten lassen, dann kommen die am besten umsetzbaren Ideen heraus.


Foto Gerhard Smuck
Gerhard Smuck
GERHARD F. SMUCK ist Absolvent der „Universität des Lebens“. Vorher: Schulabbrecher, Lehrling und Fachmann im Grafischen Gewerbe. UNO Soldat. Dann ..
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