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Der Markt ist tot, es LEBE der Markt

Detlef Löffler bezeichnet sich gern als Fotografiker, ist also Fotograf und Grafiker. Der Markt will das so, weil er kaputt ist. Aber jammern mag er trotzdem nicht, dazu hat er zu viele Ideen und Konzepte in der Schublade. Früher war er auch mal Radrennfahrer, heute sind seine Haare Pink und unsere Bloggerin Daniela Lindhuber hat sich von ihm fotografieren lassen. Schräge Sache…

„Kann’s los gehen? Was willst du wissen? Wie soll das Ganze ausschaun?“ prasselt’s auf mich ein, gerade dabei, es mir in der Greißlerei gemütlich zu machen. Den herrlichen Milchschaumgeruch eines eben erst servierten Cappuccinos unter der Nase,  meldet mein Geist seine Abwesenheit und driftet ins Auto zurück – habe gewartet, wurde abgeholt, erstes Thema, zweites Thema, drittes – irgendwas mit Objektiven, Parkplatz, schnell noch einen Blick in den Kofferschrein, Deckel auf, Objektiv raus, Thema abgeschlossen – DOING – das kenn ich schon, er vergisst gerne seinen Kopf beim Denken, weiß der Kofferraumdeckel.

Ich kenne ihn seit Jahren, er taucht auf und verschwindet wieder, hinterlässt dabei eine Vielzahl an Gesagtem und Gemachtem, das nachwirkt und der Typ lächelt immer –  verschlammt, durchfroren, Blitzgerät defekt, der Typ lächelt, also lächle ich zurück und frage:

“Was machst du eigentlich so, also genau? „Ich bin Fotografiker – diese Bezeichnung wird kommen, schwöre!“ Und schon wift das erste Thema neue Fragen auf. Mit Detlef Löffler zu sprechen, hat was griechisch-mythologisches, kaum kriegt man eine Frage beantwortet, wirft er im Antworten mindestens eine neue auf, manchmal auch gleich einen komplett neuen Themenblock, aber zuerst mal: Fotografiker, hä? „Es gibt sehr viele Fotografen, die müssen oft schon bei ihrer Arbeit den Druck und in welchem Umfeld das Foto erscheint, mit bedenken. Bin kein Künstler, bin Handwerker, Kunst ist immer eine Definitionsfrage.“ (Wisst ihr jetzt was ich meine?)

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Detlef Löffler, 49, war Radrennsportler in seinem ersten Leben – drahtig, Wadln wie Beton, sonnengegerbt, eingefügt in einen sich gleichenden Schwarm an Betonwadlern, leistungsorientiert, vorwärts, immer weiter, durchhalten – das mit dem Einfügen hat er abgelegt, verraten seine pinken Haare, doch vieles ist ihm aus dieser Zeit geblieben, hat sich transformiert, mit ihm, vom jungen fotobegeisterten Mann ohne klarem Weg in die Zweitlehre, verschluckt von der Faszination Dunkelkammer, wieder ausgespuckt vor den Vorhang der Gestaltung.

Ein kurzer Exkurs zum Verständnis: Detlef absolvierte in Klagenfurt eine Zweitlehre zum Reprotechniker, auch Druckvorstufentechniker genannt (das sind die, die uns Grafikern immer wieder mal das Leben retten und wirklich eine Ahnung davon haben wie Maschine, Papier und Farbe zusammenspielen). Er stolperte über die Reprokameras in der Dunkelkammer und verliebte sich irgendwo dazwischen (das sind Großformatkameras, die der Reproduktion von Gemälden oder Buchseiten dienen – man kann sie aber auch auf andere Dinge richten, wie im Falle des Herrn mir gegenüber). Nach vier Jahren Klagenfurt kam Villach an die Reihe und danach zog er für einen weiteren Auftrag in den begehbaren Schrank eines Kumpels in Wien. Dort angekommen, besuchte er besagten Freund in seiner Firma, wurde als Bewerber verwechselt, klatsch, einen Job bekommen, dann Ratzfatz in Kärnten alles zusammengepackt – 18 Jahre später, also heute, tingelt er zwischen diesen drei Knotenpunkten und darüber hinaus, hin und her – der Mann muss ständig in Bewegung bleiben – woher das bloß kommt?!

„Das mit dem Vorstellungsgespräch passiert mir öfter!“ lacht er laut auf und durchtrennt wieder mal meinen Gedankenstrang. Vor meinem inneren Auge tut sich zwei Sekunden lang eine weiße Seite auf –  „Ich bin  Konzeptarbeiter, bin kein Freund von unsinniger Rumknipserei. Zuerst die Projektidee, dann das Konzept, dann die Organisation – dazu gehört viel Recherche – Wofür ist es? Was soll es werden? Was wird damit produziert? Das sind essentielle Fragen – aber wann ist ein Bild wirklich ein Bild? Solange es digital ist, ist es nicht vorhanden – es ist ein Abbild, keine Realität. Es ist erst ein echtes Bild, wenn es an der Wand hängt. Oder besser gesagt, erst wenn die Ausstellung fertig ist, dann ist auch das Bild, das Projekt fertig – das gehört alles zusammen, es ist ein Prozess, ein Ganzes mit einem Anfang und einem Ende und viel Arbeit und Hirnschmalz dazwischen.“

„Wenn‘s dich tiefer legen, müssen‘s deine Papp‘n extra erschlagen!“ hat einmal ein Freund zu ihm gesagt. Ich lass das hier mal so stehen.

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Detlef Löffler ist also selbstständig, als Fotograf und Grafiker, arbeitet mit Tageszeitungen wie WirtschaftsBlatt, Österreich oder OMV und ÖBB und anderen Namen zusammen. Denn Kompetenz wird immer weiterempfohlen. „Aber der Markt ist kaputt, das ist nun mal so – überall sprießen die Fotografen und Grafiker, gründen Firmen, wundern sich, dass der Kunde immer mehr auf den Preis, statt auf das Produkt schaut und man findet alles, von Halbgegorenem zu Mamutprojekten ohne Relation. Irgendwo dazwischen schwimme ich, deshalb auch die Mehrfachprofessionen – will so wenig wie möglich abhängig sein. Ich bin nicht reich aber lebe gut und kann auch meine Projekte damit finanzieren. Das ist für mich eigentlich das Wichtigste!“

Seine Projekte, das bedeutet Gallonen an vollgekritzelten Skizzenbüchern, Text erschlägt Bild, erschlägt Anfang und Ende, aber dort darf’s chaotisch zugehen, das sind seine Festplatten, in denen er die vielen Ideen, die durch seinen Kopf strömen, speichern kann.

Detlef Löffler denkt immer die finanzielle Machbarkeit mit – ein Projekt wird erst umgesetzt, wenn auch die Rahmenbedingungen passen. „Es muss der Markt für die Idee da sein. Das heißt aber nicht, dass noch nicht umsetzbare Projekte in sieben Jahren nicht umgesetzt werden könnten. Ich besuche und fotografiere oft Jahre später noch einmal Gebiete, die mich gepackt haben. Überarbeite Konzepte neu, verbessere sie, wandle sie ab und wenn der Moment gekommen ist, werden Investoren gesucht.“

Detlef ist eben kein „Knipsiknapsi-Fotografiker“. Die ÖBB Fotodokumentation Wien-Triest ist ein gutes Beispiel für die Denk- und Arbeitsweise von Detlef. Er wollte die analoge Großformatfotografie in ein Buch bringen, dann kam die Idee eine rote Linie durch Österreich zu ziehen. Landschaft war schon immer seins und wenn schon, dann runter bis Triest. Doch wie das Ganze umsetzen? Mit einem Ohr am Markt überlegt Detlef Löffler genau wie seine Projekte umgesetzt werden können. Er schreibt ein Konzept, verpackt bisher gesammeltes Bildmaterial in ein fertig gelayoutetes Beispielbuch, nennt es Sonderedition und spricht in der Marketingabteilung der ÖBB vor – damit konnte er sein erstes Buch finanzieren und hat durch seine zuende gedachte Vorarbeit einen wichtigen Kunden für weitere Buch-Sondereditionen gewonnen.

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„Ich hab gern Dramatik, Leute haben‘s gern kuschlig, muss man bei der Umsetzung von Projekten auch akzeptieren. Körnung, Unschärfe, machen Bilder spannend. Perfektion ist nicht mein Anspruch – aber auf den Markt hören, gehört auch dazu, um sein Auskommen zu bestreiten.“ Doch Detlef Löffler ist kein Technokrat, kein Roboter – manche Konzepte werden halt erst in drei Jahren relevant – gesellschaftlich oder persönlich. Ein Konzept zu entwickeln ist ein Reifeprozess. „Auf manches wird auch geschissen – wenn ’ne Galerie findet, das passt nicht rein, gut, dann mach ich‘s halt in einem Kaffeehaus oder im öffentlichen Raum. Durch meine Bildverkäufe lässt sich viel refinanzieren, dann kommt gleich mehr Output raus. Aber in erster Linie muss ich was zu essen haben.“

Detlef Löffler ist ein Geschichtenerzähler, er liebt alte Filme, beschäftigt sich mit Architektur, Natur und Landschaft – Menschgemachtem halt und stellt eben diesen, als Schöpfer seiner Umgebung wiederum in den Bilddiskurs. Seine Fotografien präsentieren sich nicht überromantisch, obwohl er sich oft an Elementen der klassischen Malerei orientiert, von den Posen zum Lichteinfall – Detlef Löffler konzeptioniert nicht nur das Projekt, sondern jede einzelne Szene, bevor der Abzug betätigt wird. Er mag es urig – Dreck, Laub, Bruch, Altes, Ruinen – zeitlos oder eigentlich zeitreich, denn in seinen Bildern entwickelt sich eine Möbiusschleife und verbindet damals und heute das Ungewisse und das Sichtbare. Mir ist, als würde die Betrachtung seiner Fotografiken meinen Blick schärfen, ihn erweitern – kein Wunder bei dieser fotografierten und konzeptionierten Inhaltsschwere seiner Werke.

Wer sich selbst davon überzeugen will, einfach in Villach die KärntenTherme besuchen, um von den 28 großformatigen, abstrahierten Naturimpressionen verschluckt zu werden. Danach einen Spaziergang durch’s Warmbad und sich dem Gefühl ergeben, mehr zu sehen als vorher da war.

pix: Detlef Löffler – loefflerpix, Emira Blazevic – Make Up SchuleDaniela Lindhuber

Von Wouk