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Die Kunst zu hängen

Es ist vollbracht! Am 4. November wurde in Villach die Hans Bischoffshausen-Ausstellung in der Galerie Freihausgasse eröffnet. Daniela Lindhuber von der artigundhuber Kulturagentur hat sich am Vortag „hinter die Kulissen“ geschlichen, um dem Galerieteam bei den letzten Vorbereitungen über die Schultern zu schauen:

Ich bin ja eine von denen, die man nur selten in Museen antrifft, die aber eine unbändige Liebe zu Kunst empfinden. Nicht alles gefällt mir und ich bin in meinem Leben auch schon vor zahlreichen Objekten gestanden – sprich, ahnungslos schwärmen ist eben nicht meins. Das Problem ist, ich bin ein Suchtmensch und Kunstgenuss verzehrt meine volle Aufmerksamkeit. Mich saugt ein Werk wahrhaftig auf und mein Geist weigert sich dieser, der alltäglichen Realität so überlegenen, Welt wieder zu entfliehen.

Gut, dass die mir liebsten Formen – Konzept- und Medienkunst, Aktionismus und Abstraktion – nicht über die Maßen häufig ausgestellt werden, doch jetzt hat sie mich erwischt. Dieses listige Wesen präsentiert Hans Bischoffshausen und das auch noch bei uns ums Eck! Tja, da hilft meine ganze Präventionstaktik nichts, ich packe meine Sachen und lungere so lange vor der Galerie Freihausgasse herum, bis mir jemand die Tür öffnet.
„Schön, dass du da bist! Stört’s dich eh nicht, wenn wir ….“, und weg ist sie. Ich glaube, sie wollte sagen: „… wenn wir währenddessen weiterarbeiten.“ Nein, stört mich nicht, im Gegenteil, bei mir stellt sich sofort das „Da-bin-ich-daheim“-Gefühl ein und ich muss mich zusammenreißen, dass ich mir keinen Hammer schnappe, um zu helfen. Da läuft ein kraushaariger, mit weißer Farbe bekleckster Mann mit einem ähnlich verwirrten Verlängerungskabel an mir vorbei … schnapp ich mir den doch:

IM SÜDEN: Wer bist du und was machst du hier?

Gerhard Fillei: Hallo Dani, du weißt, was ich mache! (lacht)

Tja, ich schon, aber ihr da draußen nicht, denn wenn die Galerie Freihausgasse unter der Leitung von Edith Kapeller eines ganz sicher nicht macht, dann ist das Kunstwerke einfach aufzuhängen. Denn wäre das der Masterplan hinter den Ausstellungen, bräuchte es weder eine so umfassend kompetente Kuratorin wie Edith Kapeller noch ein cineastisches Kreativteam wie finnworks, bestehend aus Gerhard Fillei und Joachim Krenn. Zweiterer hat sich übrigens während meiner Anwesenheit nur einmal aus seiner iMac-Starre gelöst, um mir Edith für präzise angekündigte 15 Sekunden zu entführen. Filmmensch halt! Doch die braucht es, denn hinter der Position der Bilder an den Wänden steckt mehr als nur eine Wasserwaage.

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Gerhard Fillei: Wir hängen nicht einfach nur Bilder, wir erstellen eine Gesamtkomposition. Wir machen das Ausstellungsdesign und beschäftigen uns dafür intensiv mit dem Künstler, seiner Lebensgeschichte, seiner Sichtweise der Welt und natürlich auch mit den Botschaften seiner Arbeiten.

IS: Und wofür der ganze Aufwand? Würd’s nicht reichen einfach ein Bild neben das andere zu hängen?

Gerhard Fillei: Ja, manchen vielleicht, uns nicht! Denn unser vorrangiges Ziel ist die Vermittlung von Inhalten und nicht die Zurschaustellung von Werken. Als Beispiel Hans Bischoffshausen – das Thema seiner Malerei ist die Stille, die Ruhe, das Weglassen, das Nichts – alles sehr philosophisch, aber eben nicht nur. Seine Bilder sind ein Teil, die Texte, in denen der Humanist Bischoffshausen niederschrieb, was ihn beschäftigte, ein weiterer und die öffentliche Rezeption des Künstlers noch ein Baustein, um das Schaffen des Hans Bischoffshausen ganzheitlich begreifbar zu machen.

IS: Edith, was bedeutet denn Kuratieren für dich?

Edith Kapeller: Kuratieren bedeutet für mich ganz im ursprünglichen Sinne des Wortes „curare“ sich mit aller Energie, mit Sorgfalt und Wissen um Kunst und KünstlerInnen zu kümmern, zu sorgen. Im idealen Fall sind KünstlerIn und KuratorIn sich gegenseitig inspirierende Partner. Dabei sehe ich meine Rolle als eine, die Kunst und KünstlerInnen eine Plattform, einen Raum mit möglichst idealen Bedingungen anbietet.
Meinem Verständnis nach muss eine Galerie spartenübergreifend arbeiten: Nicht nur Malerei und Skulptur, sondern auch Fotografie, Film, Medienkunst, Konzeptkunst, Design etc. zeigen. Der große Vorteil einer städtischen Galerie ist ja, dass sie frei von Verkaufszwängen agieren kann, sie braucht nicht den Mainstream zu bedienen, darf experimentieren, verstören, darf von Malerei bis hin zur Performance, Aktionskunst alles zeigen – immer vorausgesetzt sie erfüllt ihren Bildungsauftrag.

IS: Oh, wenn du jetzt mit Konzeptkunst auch noch anrückst, fehlt nur mehr der Aktionismus und du kriegst mich hier nicht mehr weg! (Entschuldigt die Unterbrechung, ich wisch mir kurz den Sabber vom Kinn. Gerhard Fillei hat sich in der Zwischenzeit der Spachtel gewidmet, um die soeben gebohrten Löcher wieder zu verschließen und Edith sitzt mittlerweile neben mir. Mal schaun wie lange!)
Und warum spachtelt ihr die Löcher jetzt wieder zu?

Edith Kapeller: Wir versuchen, unseren BesucherInnen den/die jeweilige(n) Künstler/Künstlerin auf möglichst vielen Ebenen näherzubringen und gleichzeitig dem Werk  gerecht zu werden – wie eben jetzt bei Hans Bischoffshausen. Da zeigen wir nicht nur seine berühmten Arbeiten, sondern auch persönliche Gegenstände wie seine Malschürze, wir zeigen ihn als Literaten, als Philospohen in seinen Schriften, wir zeigen ihn in einem Club 2 aus 1979. Und wir widmen uns einem der bestimmenden Themen des Künstlers, der Stille, und fragen uns selbst: Was ist Stille? Wie können wir Stille inszenieren? Da kommt es dann schon einmal vor, dass man das Ursprungskonzept mehrfach umwirft, da der Gang durch die Räume, also von Bild zu Bild zu Text zu Film, eben doch nicht unseren Vorstellungen entspricht. Dann spachteln wir gebohrte Löcher eben wieder zu.

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IS: Das heißt, jede Ausstellung wird anders gehängt, anders inszeniert und anders präsentiert?

Edith Kapeller: Genau! Gerhard und Joachim erschaffen für manche Ausstellungen komplett neue Räume oder machen Aufbauten, um Fernseher in der Wand verschwinden zu lassen. Wir bespielen unsere Räumlichkeiten auch nicht ausschließlich mit Bildern, sondern oftmals mit unterschiedlichen Fragmenten aus den Lebzeiten des Künstlers, um ihn und seine Botschaften begreifbarer zu machen.

IS: Nun kleben neben diesen beeindruckenden Gemälden weder Bildunterschriften noch schickt ihr die Leute mit Kopfhörern durch die Räume. Wie macht ihr einem einfachen Besucher das alles klar?

Edith Kapeller: Ach, diese Bildunterschriften! Das ist immer wieder ein neues Thema für uns, da wir diese Pickerln unter den Bildern einfach nicht mögen. Und so hat bei uns jede Ausstellung ihre eigenen Wegweiser, da lassen wir uns immer wieder Neues einfallen. Doch der rote Faden durch die Ausstellung ist für uns die Kunstvermittlung. Das beginnt bei der Gestaltung durch Joachim und Gerhard und setzt sich dann fort bei Claudia Schauß, unserer kunsthistorisch ausgebildeten Galeriebetreuerin. Claudia empfängt jeden Besucher, jede Besucherin und – so er/sie das will – geht mit ihm/ihr durch die Ausstellung, spricht über Leben und Werk des Künstlers. Besonders wichtig ist uns, Kunstvermittlung für alle Altersstufen anzubieten: Workshops und Führungen für Schulen, aber auch private Gruppen finden sich zusammen.

IS: Und was kommt dann dabei raus? Ein brüllendes Gewusel und panische Angestellte, die versuchen die Bilder zu beschützen. Um noch ein paar Klischees auszupacken…

Edith Kapeller: Eben genau das Gegenteil. Wir hatten hier schon viele Kinder, manche waren auch schon öfter hier. Und dann passieren diese Momente, wenn sie ehrfürchtig vor den Bildern stehen und du ihnen zum Beispiel erzählst, dass dieser Künstler mit diesen und jenen Materialien arbeitet und ein Vierjähriger sagt dann: „Genauso wie Angelika Kaufmann!“ Das haben wir Simone Dueller zu verdanken, die Kindern und Jugendlichen nicht nur Input gibt, sondern sich intensiv mit „wahrnehmen“ und „begreifen“ auseinandersetzt. Wie zum Beispiel die Joseph Beuys-Ausstellung, da kamen zu den Workshops auch jüngere Kinder und Simone hat das Programm ganz einfach angepasst, so dass es auch für die Einjährigen geeignet war. Sie hat den Kindern zu Ostern Filz, Magerine, Kupferdrähte, Wachs und Honig zur Verfügung gestellt und sie daraus einen Hasen basteln lassen!

IS: Einen Hasen zu Ostern basteln scheint mir nicht viel mit Kunstvermittlung zu tun zu haben, oder?

Genau das ist es aber. Denn was die Kinder dabei begriffen haben, war unter anderem, dass der Hase für Beuys das zentrale Tier war und das Joseph Beuys Beuys mit Materialien wie Filz und Fett arbeitete. Simone Dueller ermöglichte den Kindern den Schaffensprozess selbst zu erleben.

IS: Also wahrhaftig ein ganzheitliches Kunstvermittlungskonzept – um einiges vielschichtiger als das Offensichtliche: Ein Bild aufzuhängen!

 

Pix: Daniela Lindhuber von der artigundhuber Kulturagentur

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