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Lebensmittel retten – Mein Selbstversuch im DUMPSTERN

160.000 Tonnen – so viel Lebensmittel werfen die Österreicher jährlich in den Müll. Weil ich mir unter einer so großen Zahl nichts vorstellen kann, habe ich sie umgerechnet: Das entspricht 45.000 ausgewachsenen Elefanten. Immer noch zu viel für mich.

„Die Umwelt liegt mir am Herzen“ – So habe ich kürzlich in einer Bewerbung geschrieben. Deswegen verwerte ich selbst beinahe alles und versuche, wenig Müll zu produzieren. Aber was ist mit den Gliedern, die vor mir auf der Versorgungskette stecken? Beispielsweise Supermärkte. Containern bzw. Dumpstern gehen, also genießbare Lebensmittel aus den Müllstätten von Supermärkten holen, mit dem Gedanken spiele ich schon lange. Warum es also nicht einmal ausprobieren. Gesagt, getan: Im Mai bin ich in Mülltonnen gehüpft. Hier der Selbstversuch.

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Ich stoße bei meiner Recherche auf die facebook-Gruppe foodsharing Klagenfurt, die zusammenarbeitet mit dem Verein act2gether. Schnell ist ein Termin gefunden und treffe mich mit Michaela Rauch. Sie ist bei der Vereinigung aktiv und geht selbst schon lange containern. Sie erklärt mir, dass beinahe alles containert werden kann, und dass viele Vorurteile nicht zutreffen: „Das klingt jetzt viel ekliger als es ist, man läuft auch nicht wie ein Einbrecher durch die Gegend. Im Grunde sind die heimischen Container recht sauber: ein Sack Brot, ein Sack Milchprodukte, Chips, Schokolade. Und sonst gibt es ja Gummihandschuhe auch noch.“ Außerdem klärt sie mich über die rechtliche Situation auf: ich bin kein Dieb, wenn ich containere. „Um das mal zu klären und Missverständnisse zu vermeiden: wir knacken keine Schlösser und klettern über keinen Zaun“, beruhigt sie mich. Für meinen ersten Versuch bekomme ich Tipps für gute Locations und den Kontakt zu Geri, die mich begleiten kann.

Und so treffen wir uns an einem Donnerstag Abend am leeren Parkplatz von Hofer. André, der bei meiner Erwähnung vom Containern neugierig wurde und mitwollte, begleitet mich und Geri. Und ich freue mich endlich das schlechte Umwelt-Gewissen zu beruhigen und sagen zu können: „Containern? Ja, das mach ich auch.“

Es dämmert gerade, als wir die erste Station erreichen: Einen Gourmet-Supermarkt. Geri hat uns empfohlen Gummihandschuhe mitzunehmen. Wir ziehen sie uns über und gehen um die Ecke. Die Deckel werden geöffnet und ich merke sofort: Zu klein darf man nicht sein. Ich kann mich kaum über den Rand der Tonne beugen und komme nicht an die tief liegenden Müllsäcke heran. Geri, die das gleiche Problem hat, ist weniger zimperlich und ist schon in die erste Tonne gestiegen. „Das riecht ja total nach Anti-Pasti. Lecker!“, vernehme ich von André nebenan. Eine Packung Nudeln, Jogurt in eleganten Gläschen und Kräutermischungen sind unsere Beute. Das Mindesthaltbarkeitsdatum ist vor ein oder zwei Tagen abgelaufen. Zum Verkauf nicht mehr geeignet, zum Verzehr aber auf jeden Fall noch. Nachdem wir die Tonnen wieder geschlossen haben, fahren wir mit dem Auto weiter zur nächsten Station.

Hier wird es kompliziert: Der Markt ist mitten in einem Wohngebiet. Während André sich in die Tonne beugt und fast verschwindet, leuchtet Geri ihm mit der Lampe. Drei junge Frauen verabschieden sich keine zwei Meter von uns. Als sie in verschiedene Richtungen gehen, unterhalten sie sich über unsere Köpfe hinweg, aber sie ignorieren uns. Ob hier wohl öfters containert wird, und die drei Nachbarinnen daran gewöhnt sind? Mit Geris Hilfe finde ich einige Paprika und Zitronen. Ich schmiede im Kopf Pläne, wie das verkocht werden soll, auch wenn der Geruch der Tonnen nicht gerade appetitlich ist.

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Unsere letzte Station liegt außerhalb am Ortsrand. Auf dem Weg unterhalten sich Geri und André. „Als ich einem Kommilitonen erzählt habe, ich gehe heute containern hat er gesagt, das versteht er nicht. Und weißt du warum: Weil er findet, dass schadet der Wirtschaft. Er meint, wenn alle containern würden, würde die Kaufkraft sinken.“ Ich schüttle den Kopf.

Die Location ist ein Jackpot. Die Tonne ist recht voll und ich habe inzwischen dazu gelernt. Ich steigen auf den Rand des Containers, so kann ich auch die unteren Säcke leicht erreichen. Ich ziehe einen besonders schwere zu mir her und sehe rein: Er ist bis oben hin gefüllt mit Gebäck: Muffins, Streuselkuchen und Schnitten, alles verpackt und erst gestern abgelaufen.

Die Tour war erfolgreich. Mehr als erfolgreich. Wir drei haben mehr gefunden, als wir brauchen können. Wohin mit den übrigen Lebensmitteln? Vor dem Problem standen Michaela und ihre Freunde auch immer wieder. Deshalb haben sie die foodsharing Organisation in Klagenfurt gegründet. Beim Volxhaus haben sie einen Lagerschuppen mit Regalen und Kühlschränken. Geri hat den Zugang. Wir legen unsere Beute ab. Morgen wird sie hier von Helfern nochmal gecheckt, geputzt und gelagert, bis der ‚Umsonst-Supermarkt‘ wieder aufmacht. Dann kann jeder kommen, und sich bedienen. Das System funktioniert sehr gut, wie mir Michaela berichtet hat: „Wenn ich um drei komme um aufzusperren, ist schon eine Schlange da. Und die ist bunt gemischt, Junge wie Alte kommen zu uns.“ Ich lege die Brote, die ich nicht brauche ins Regal und Geri sperrt hinter mir zu. Wir haben heute vielleicht keinen Elefanten aus dem Müll gezogen, trotzdem fühlt es sich gut an – die Umwelt wird sich ein bisschen freuen.

Mindesthaltbarkeitsdatum heißt nicht, dass Lebensmittel ab da nicht mehr genießbar sind.Genauere Infos gibt es auf der Seite vom Qualitätssiegel: www.qualitaetssiegel.net

Die foodsharing Gruppe Klagenfurt öffnet jeden Tag den Umsonst-Supermarkt am Volxhaus. Genaue Infos hier. www.act2gether.at

 

 


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