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“Den Speck lieb’ ich heiß und innig”

©Sebastian Sontacchi // www.weshootit.com

Tagein tagaus wird auf der Grazer Vorklinik gestrebert und geschnipselt was das Zeug hält. Doch wenn es dunkel wird, nimmt einmal im Monat Master Mario Tomic das Mikro (soll symbolisch ein Zepter darstellen) in die Hand und ruft zu einer stets sensationellen Session studentischer Subkultur auf. Wir haben mit Mario geplaudert, wieso seine Hörsaalslams seit fast einem Jahr eigentlich so rocken.

IMSÜDEN.AT: Hallo Mario. Du veranstaltest, organisierst und moderierst nicht nur die Grazer Hörsaalslams, du BIST praktisch der Hörsaalslam. Sag’ uns noch mal kurz und knackig: was ist das eigentlich?
Mario: Poetry Slam ist quasi ein Dichterwettstreit um die Gunst des Publikums: Man bekommt in Österreich in der Regel fünf Minuten Zeit um einen eigenen Text vorzutragen. Das Publikum bewertet je nach Geschmack die Texte mit bis zu 10 Punkten und so finden wir dann einen Sieger oder eine Siegerin. Natürlich gibt es auch Regeln: Der Text muss selbst geschrieben sein, auf der Bühne gibt es keine Requisiten und keine Kostüme, Gesang ist generell nicht erlaubt, wird nur zitatweise aber akzeptiert. Ursprünglich war die Idee dahinter eine Gegenbewegung zur Wasserglas-Lesung zu schaffen. Das wurde ziemlich gut realisiert, finde ich.

IMSÜDEN.AT: Wenn ihr mit dem Kartenvorverkauf startet könnte man ja fast glauben bei euch gäbe es Freibier, so viele Studenten stürmen euren Verkaufstisch! Kannst du uns sagen, warum das Ganze so durch die Decke geht???
Mario: Einerseits ist es einfach der richtige Zeitpunkt gewesen, um mit der Veranstaltungsreihe zu beginnen. Anfang 2014 gab es den großen Hype um Julia Engelmann und ihren Youtube Clip vom ältesten Hörsaal Slam im deutschsprachigen Raum, da konnten dann viele was mit dieser Kunstform anfangen. Und andererseits hat im Oktober 2014 der Ö-Slam in Graz stattgefunden, also die österreichische Meisterschaft, das hat auch für ein bisschen mehr Aufmerksamkeit gesorgt. Bei unserer ersten Veranstaltung hatten wir dann schon einen Ansturm von 600 – 700 Leuten, aber nur einen Hörsaal mit 240 Sitzplätzen. 400 Leute haben wir gerade noch irgendwie reingekriegt, den Rest haben wir leider wieder wegschicken müssen. Das war einfach ’ne Sauna! Und von da an hat das Ganze eine Eigendynamik entwickelt.

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IMSÜDEN.AT: Es gibt bei den Hörsaalslams aber auch ein paar wenige Startplätze über die offene Liste. Jede und jeder, die/der Lust hat, kann sich direkt vor der Veranstaltung melden und dann entscheidet das Los, wer seinen Text vortragen darf. – Ein fixer Bestandteil?
Mario: Ja, also das ist so eine ideologische Sache die offenen Listenplätze drinnen zu haben. Die sind von Beginn an ein wichtiges Element gewesen, sie machen den wirklichen Unterschied vom Slam zur fast inzestiösen Literaturszene aus. Du hast die Möglichkeit, ohne Komplikationen und ohne jemandem monatelang in den Arsch zu kriechen direkt auf die Bühne zu gehen und deine Texte vortragen. Dieser amateurhafte Charakter macht Slam ja auch irgendwie aus. Zwar gibt es mittlerweile schon reine Slam-Shows, wo das Line Up komplett geschlossen ist – bei uns ist es das ja auch zu einem großen Teil, wir haben sechs Fixstarter und nur zwei offene Plätze. Wir versuchen aber die offene Liste so weit wie möglich beizubehalten.

IMSÜDEN.AT: Gibt es Poetinnen und Poeten, die den Sprung von der offenen Liste in die Slam-Szene, die ihr so liebevoll Slamily nennt, schaffen?
Mario: Ja natürlich, das eine schließt das andere überhaupt nicht aus. Einige von ihnen sind jetzt schon regelmäßig bei Slams dabei.

IMSÜDEN.AT: Man muss schon ordentlich was in der Hose haben, sich von einer Meute Studenten bewerten zu lassen, oder?
Mario: Das gehört dazu, ein bisschen Rampensau muss man für Poetry Slam schon sein! Jemanden, der zum Beispiel privat sehr persönliche Gedichte schreibt, würde ich nicht auf eine Bühne stellen, um vor einem Haufen unbekannter Menschen seine Texte vorzutragen, auch wenn sie vielleicht gut sind. Man muss da schon wirklich rauf wollen!

IMSÜDEN.AT: Hast du eigentlich Lampenfieber?
Mario: Sicher, klar! Ich hoffe, man hat das auch auf Ewig! Obwohl, ich habe mal eine Phase gehabt, da hatte ich kein Lampenfieber mehr. Das war eine sehr erfolgreiche Phase, wo ich so gut wie jeden Tag geslammt habe, viel auf Tour unterwegs war und kaum in Graz war. Ganz wenig Pausen, ganz viele Sachen gewonnen, ganz viele neue Texte geschrieben. Dann hat sich das ein bisschen verflüchtigt, wie es weg war, hat es mir aber nicht mehr so getaugt. Man braucht die Anspannung und diesen Adrenalinschub, das treibt an und ist ein guter Motivator! Kurz vor dem Auftritt ist es schon manchmal ein sehr unangenehmes Gefühl, zum Beispiel wenn du direkt nach einem richtig richtig guten Text drankommst. Das ist nicht unbedingt das Allergemütlichste, aber mit einer guten Moderation kriegt man das auch ein bisschen überbrückt. Als Moderator muss ich ja auch dafür sorgen, dass jeder ein schönes Auftrittsklima hat.

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IMSÜDEN.AT: Du kommst aus Bosnien, deine Muttersprache ist Bosnisch-Kroatisch. Du slamst aber auf Deutsch, und das wirklich genial, finden wir. Wie geht das – bist du ein Sprachengenie?
Mario: Danke erstmal (lacht)! Ich finde, dass ich als Fremdsprachler einen riesigen Vorteil habe – sobald ich die jeweilige Sprache beherrsche, und das ist mitunter der schwierigste Teil und auch wirklich anspruchsvoll. Man geht dann aber prinzipiell anders mit der Sprache um, beispielsweise was die Wahrnehmung der Barrieren betrifft. Für mich gibt es auf Deutsch nichts, das unvorstellbar oder falsch ist. Du als Native Speaker stößt viel schneller an deine Grenzen, weil du deine Sprache auf bestimmte Weise gelernt hast – ich gehe damit viel freier um und stückle mir alles so zurecht, wie ich es brauche. Und wenn man das als Vorteil nutzt und zu seiner Stärke macht, klappt das!

IMSÜDEN.AT: Das klingt ja irgendwie logisch! Auf so etwas wie „Meer-jung-Frau“ und „weniger-alt-Mann“ wäre ich nie gekommen, im Gegensatz zu dir. Kann man das Wortspielen lernen?
Mario: Schwierig, mir fallen Wortspiele auf Bosnisch zum Beispiel auch viel schwerer als auf Deutsch, deutsch ist da eher eine Spielwiese für mich. Ich glaube, man muss sich selbst die Herausforderung in der Sprache suchen und den eigenen Vorteil zur Stärke machen, egal was das ist.

IMSÜDEN.AT: Gibt es irgendetwas, dass man in allen deinen Texten wiederfinden kann?
Mario: Oh ja, Provokation eigentlich! Provokation findet sich wirklich immer wieder, ich baue das in AL-LES ein. Selbst wenn ich einen Liebestext schreiben würde, würde ich den nicht hinkriegen, ohne Provokation hinkriegen. Ich habe auch als Feedback sehr gerne dieses empörende Lachen, dieses „hohohohoho“ – meine absolute Lieblingsreaktion, wenn ich das beim Publikum auslöse!

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IMSÜDEN.AT: Der Prototyp eines Studenten, der zu einem Hörsaalslam geht, kennt sich mit dieser literarischen Kunstform vielleicht nicht wirklich gut aus. Findest du, es wird teilweise unfair geurteilt und bewertet?
Mario: Einerseits definitiv ja, andererseits definitiv nein. Aus dem Standpunkt, dass es ein Wettbewerb ist, urteilen die Leute tatsächlich unfair, weil sie nicht unbedingt die Qualität eines Texts bewerten, sondern rein nach ihrem Geschmack. Wenn man aber den Wettbewerbscharakter herausnimmt urteilen sie sehr fair, eben gerade weil sie nach ihrem Geschmack urteilen und darum geht es auch. Das Resultat eines Slams ist daher viel repräsentativer für den Geschmack des Publikums, als die Qualität der Texte. Das wird auch in der Außenwahrnehmung sehr oft verwechselt. Deswegen sind die Siegespreise auch gezielt symbolisch. Wir nehmen unsere finanziellen Mittel für einheitliche Gagen an alle geladenen PoetInnen, dann herrscht auch kein Stress und keiner nimmt den Wettbewerb zu ernst.

IMSÜDEN.AT: Euer Hauptpreis ist ein riesiges, geiles Stück Speck. Wieso?
Mario: (Grinst) Also das hat eine Geschichte. Normalerweise gibt es ja immer einen Whiskey, das ist der traditionelle Siegerpreis. Und bei den Slams, die damals noch in der Kombüse stattgefunden haben, kam der Besitzer einmal mit einem riesengroßen Speckhax’n daher und hat gemeint, er sponsert uns den Speck, für die Siegerin oder den Sieger eben. Zu dem Zeitpunkt habe ich noch mitgemacht und fand das richtig großartig. Ich habe ein paar Mal gewonnen und hatte dann immer ein paar Kilo Speck zu Hause. Danach gab es immer irgendwann ein großes Speckessen, mit dem konnte man kulinarisch ganz viel anfangen, ich hab’s richtig gefeiert! Und das habe ich dann eben auch beibehalten, nachdem ich den Slam übernommen habe. Ich denke auch es ist wesentlich schöner, praktischer und charismatischer wenn die Leute jetzt ’nen Speck bekommen, als wenn sie irgendeine Trophäe mit nach Hause nehmen. Davon hast du nur eine volle Vitrine, Staub und vielleicht einen Egotrip. Speck kann man zumindest essen.

IMSÜDEN.AT: Was ist mit veganen Slammern?
Mario: Also die gibt es auf jeden Fall. Zu Kombüsen-Slam-Zeiten habe ich auch jedes Mal explizit angedeutet, dass der Speck gefeiert werden muss! (grinst) Einerseits. Andererseits kann man auch immer einen Käse bekommen, oder einen Gemüsekorb oder sowas – das hat es alles auch schonmal gegeben – ich war immer zuversichtlich, dass man da ein Tauschgeschäft machen kann. Notfalls nehm ich jederzeit den Speck selber! Beim Hörsaalslam hab ich auch eingeführt, dass einer der Siegerpreise eine Ananas ist, das heißt es kann wirklich immer irgendwie getauscht werden. Der Speck wurde österreichweit auch wirklich eine Marke für den Grazer Slam, wir haben beim Slammy Award die Auszeichnung „Best Whiskey“ bekommen, also bester Siegerpreis. Ich glaube, ich verkörper den auch ganz gut, ich lieb ihn ja auch sehr. Aber in der Slamily akzeptiert jeder jeden wie er ist. Wenn dann wer herkommt und sagt: „Ich bin Veganer“, dann ist das doch auch cool.

IMSÜDEN.AT: Es gibt noch so ein Markenzeichen. Wir haben dich noch nie ohne Jogginghose gesehen!
Mario: Ich will auch hoffen, dass das so bleibt! Ich habe überhaupt nur 3 Paar richtige Hosen, aber ganze sieben Stück Jogginghosen zuhause. Also auf der Straße tragbare, untragbare habe ich noch ganz ganz viele.

IMSÜDEN.AT: Ist das ein Statement oder ist es einfach gemütlich?
Mario: Nein das ist ein Statement. Es ist natürlich sehr gemütlich, aber es ist auch dieser ewige Kampf, den wir mit der Hochkultur führen werden – irgendwie meine Art und Weise der Hochkultur den Mittelfinger zu zeigen. Natürlich gibt es Auftritte, wenn ich für das österreichische Kulturforum oder das Goethe-Institut unterwegs bin, in Kroatien, Serbien, Bosnien oder Slowenien was mache – Workshops, Poetry-Slam-Leitung, was weiß ich. Dann hole ich vielleicht einmal die Stoffhose raus, nur zu besonderen Anlässen quasi. Aber sonst ist es immer die Jogginghose. Ich war da der erste und mittlerweile tragen wirklich drei, vier, fünf Leute Jogginghose auf der Bühne, was ich einfach feiere! Hoffentlich habe ich da einen Trend gesetzt. Ich trage auch gerne Jogginghose und Hemd auf der Bühne, das hat dann für mich auch eine eigene Symbolik, quasi das Feine mit dem Hemd oben und dieses lässige verdreckte „Ich geb’ keinen Fick auf die Welt“-Statement als Grundlage.

IMSÜDEN.AT: Gibt es Situationen, in denen Du auf Grund deiner Jogginghose nicht ernst genommen wirst?
Mario: Ja die gibt es. Zum Beispiel war ich im März in Novisad, dort habe ich zwei Workshops gemacht und einen Poetry Slam – alles Jogginghosen-tauglich. Dort war dann ein älterer Herr beim Slam, der Österreichbezug hatte und er hat sich gewundert und meinte, ich wirke jetzt nicht wie ein kulturschaffender Mensch, war von Anfang an eher skeptisch und hat mich nicht wirklich wertgeschätzt. Als er dann gesehen hat, was ich auf der Bühne mache, hat er es geliebt. Und ich glaube das muss man auch aufbrechen und sagen: „Hey, was für eine Art von Hose ich trage ist doch jetzt irrelevant!“ Und bei mir ist sie mittlerweile schon Gesetz. Ich habe auch den besten JoHo (Jogging-Hosen) Award gekriegt bei den Slammys (lacht).

IMSÜDEN.AT: Abschließend noch einen Blick in den wahren Süden den Landes: Wie schaut den die Slamszene in Klagenfurt aus?
Mario: In Klagenfurt findet im Volxhaus regelmäßig, alle zwei Monate glaube ich, ein Poetry Slam statt – „Slam if you can“ heißt der. Im November steht der nächste Termin an. Am folgenden Tag gibt es dann meistens ein Soloprogramm von  einem der starken geladenen, teils internationalen Gäste. Carmen Kassekert veranstaltet teilweise in ganz Kärnten und sorgt jedes mal für ein richtig gutes Line Up!

Ein richtig gutes Line-Up gibt’s auch bei einer Hörsaalslam-Sonderedition der Superlative:
Länderbattle Deutschland vs. Österreich
am 9. November 2015 um 19:00 Uhr im Heizhaus
VVK-Karten sind schon ausverkauft!
Facebook-Veranstaltungslink: www.facebook.com

Titelfoto: ©Sebastian Sontacchi // www.weshootit.com

Und wer nach dem Interview noch nicht genug hat von unserem Micro-Master Mario sieht hier den REDakteur in Action:

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