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„Ich bin ein FAN von Aneignungen“

Daniela Lindhuber (*1987)

Kulturarbeiterin Daniela Lindhuber kommt aus Braunau, wohnt jetzt aber praktisch im Kulturhof:keller in Villach. Dort gibt sie seit neuestem die Obfrau, ist praktisch (die) UnfailBar und gründet nebenher eine Kulturagentur für die „Schräggeister“, die sie liebt. Wir haben sie im Pyjama angetroffen…

Direkt über dem Eingang zum Villacher Kulturhof:keller befindet sich eine kleine Wohnung mit einem noch kleineren Balkon und Blick auf den klitzekleinen Kulturhof. Darin wohnt eine große Frau mit Undercut und leichtem oberösterreichischen Akzent, die, oft noch im Pyjama, zwischen Keller, Hof und Kultur im Wohnungsbüro rotiert. Sie energisch zu nennen wäre die Untertreibung der Spielsaison, denn Agenturgründerin, Kulturhofkellerchefin und UnfailBarista Daniela Lindhuber aus Braunau am Inn ist energiegeladener als es das gute alte Duracell-Häschen jemals war: Mails schreiben (konzentriert), telefonieren (lauthals), putzen (hingebungsvoll), rumschrauben (semikompetent) alles gleichzeitig, versteht sich. „Stopp! Dani! Interview!“, „Ja, sicher, sofort. Freu mich!“ (grinst). Man merkt ihr ihre Theatervergangenheit gleich an: klare Aussprache, Handrücken an die Stirn, dramatische Pose „Hach!“ und: Vorhang auf…

IMSÜDEN.AT: Hallo Dani, bei dir macht die Frage ja nun wirklich Sinn: Wie und vor allem WARUM kommst du in den Süden?
DANIELA LINDHUBER: Hab mir schon gedacht, dass diese Frage kommen wird. Geboren wurde ich in Braunau am Inn und daher musste ich nach der Schule möglichst schnell weg und zum Studieren nach Linz. Linz war düster, kalt, nebelig und dann hab ich auch noch den Fehler begangen „Technische Chemie“ zu studieren. Das war, gelinde gesagt, nicht so meins…

IS: In Linz beginnt‘s also doch nicht so wirklich?
DL: Naja, irgendwie schon, denn als ich von meinem Ausflug wieder Z’haus war, hab ich einen AMS-Berufstauglichkeitstest gemacht. Der hat mich für so ziemlich alles tauglich befunden, von A wie Astronautin bis Z wie Zeppelinpilotin. Aber es gab da in den Unterlagen auch den Hinweis auf das Studium der Angewandten Kulturwissenschaft in Klagenfurt. Und da bin ich dann einfach mal hin. Aber das Studium war dann auch wieder nicht ganz so meins…

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IS: DANI! Bitte, komm zum Punkt. Was ist denn dann deins?
DL: Ganz einfach: Kunst und Kultur ermöglichen! Das ist meins! Das hab ich gelernt als ich bei der neuebuehnevillach ein Praktikum machen durfte. Da hab ich wirklich alles „durchgemacht“, vom Bestuhlung richten, über Bühnenbild bis zur Regieassistenz. Außerdem hab ich da auch die Villacher kennen und schätzen gelernt, die sind einfach umgänglicher und offenherziger als die Klagenfurter, die ich beim Studium getroffen habe. Wie zum Beispiel dich (lacht).

IS: Touché! Es hat dich also nach Villach gezogen.
DL: Ja, plötzlich hatten alle meine Projekte mit Villach zu tun. Und dann hab ich bei „Macht Schule Theater“ erst Martin und später Simone Dueller kennengelernt. Das war natürlich der „Jackpot“, die Beiden machen ja soviel Kulturarbeit, dass mir immer schon beim Aufzählen schwindelig wird. Daraus hat sich dann eine langjährige Zusammenarbeit entwickelt.

IS: Zum Beispiel der berühmte Kulturhof:keller?
DL: Ja, zum Beispiel. Der Kulturhof:keller entstammt eigentlich dem Villacher Jugendjahr 2008, als „die Duellers“ das „Local T“ gemacht haben. Damals wurde klar, wie groß das Raumdefizit in Villach für die Alternativszene wirklich ist und wieviel Bedarf da eigentlich besteht. Es gab nur sehr wenige Räume und die waren sehr teuer. Die Lage war also wirklich prekär. Daher wollten „die Duellers“ der Alternativszene eine Lokalität geben, eine Art Epizentrum, wenn man so will. Es ging vor allem darum, die Basisausstattung für die Durchführung einer Veranstaltung zu stellen, damit „kleinere“ Veranstalter auch etwas auf und über die Bühne bringen können. Außerdem wollten wir immer auch Lücken im Kulturprogramm der Stadt Villach schließen.

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IS: Und was war da eigentlich deine konkrete Rolle bisher?
DL: Ich war auch so eine Art Lückenstopfer, das liegt mir (lacht). Nein, ich mache eben oft einfach das, was sonst niemand übernehmen will. Wo alle sagen „Bloß nicht!“ sag ich: „Her damit“, das ist so meine Art. Am Anfang war das zum Beispiel die Buchhaltung und dann bald die Gastronomie im Kulturhof:keller, meine kleine „UnfailBar“, die ich auch heute noch betreibe. Dazwischen war ich auf einmal auch Kantiniera der Kulturhof:kantine, aber da bin ich jetzt auch recht froh, dass dieses Tagescafé mittlerweile von Christoph Weitschacher als „Café Kleinfein“ übernommen wurde.

IS: Lass mich raten: das war nicht so deins?
DL: Nein, ich bin schon froh diese Erfahrung gemacht zu haben. Auch weil mir das „Wirtschaftswissen“ aus dieser Zeit heute bei der Kulturarbeit hilft. Ich habe auch über mich gelernt, dass ich definitiv in der Selbstständigkeit zuhause bin. Ein „geregeltes“ Dienstverhältnis mit Chef, Kollegen und so würde mich und alle Beteiligten zielsicher in den Wahnsinn treiben (lacht). Außerdem bin ich ja mit der UnfailBar noch immer Gastronomin, das liegt mir also schon. Aber als neue Obfrau des Kulturhof:kellers wäre sich das mit der Kantine nicht mehr ausgegangen.

IS: Ich nehme an, dass du dich als neue Obfrau auch gemeldet hast, weil das sonst keiner tun wollte…
DL: Nein, „die Duellers“ haben mir das Angebot gemacht und ich habe gerne angenommen. Denn immerhin wohne ich auch überm Kulturhof:keller, das sind ja meine „vier Wände“, praktisch sowas wie ein Kraftort für mich. Und 2014 wollen wir nun mit einem neu formierten, aber erfahrenen Team praktisch wieder von vorne anfangen, aber auch ohne alles neu zu erfinden. Der Leitspruch des Kulturhof:kellers: „Die Summe der einzelnen Teile…“ bleibt unser Programm. Wir wollen aus vielem Verschiedenem ein großes Ganzes bilden, einer der Mittelpunkte des Kulturschaffens in Kärnten bleiben und auch weiterhin österreichweit bekannte Künstler in den Keller holen. Daher machen wir auch selbst Programm. Der Fokus liegt natürlich auf der Vermietung der Räumlichkeiten an Kulturveranstalter. Mit der Veranstaltungsreihe „kult:klub“ wollen wir zusätzlich alte Größen wieder holen und neue Helden einladen, auch um mögliche Lücken zu schließen.

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IS: Klingt nach genügend Arbeit!
DL: Ja, aber das genügt MIR noch nicht, deshalb gründe ich derzeit auch mit Birgit Kronig eine Kulturagentur. Uns ist aufgefallen, dass Kulturschaffende und Künstler sich selbst oft nicht wirklich als Wirtschaftstreibende betrachten. Gerade was die Selbstvermarktung angeht. Wir wollen mit der Kulturagentur unsere Erfahrungen bündeln um Kulturschaffenden und Institutionen im täglichen Kampf unter die Arme zu greifen. Der Musiker bräuchte eine Biografie in 3 Sprachen, der Künstler ein Portfolio um bei Galerien vorzusprechen, der Verein ein Subventionsansuchen Stadt-, Land-, Bund- und vielleicht noch EU-tauglich oder jemand näht zuhause Babysachen und hätte gern einen Online Shop – da kommen wir ins Spiel, beraten, verweisen zu den richtigen Stellen und helfen bei Corporate Identity und Design auf die Sprünge!

IS: Natürlich Full-Service, 360 Grad und so weiter, schon klar. Aber ernsthaft, es mag ja sogar den Bedarf dafür geben, aber gibt es auch einen Markt?
DL: Das wird sich herausstellen. Aber wir sind uns da mit unserer langjährigen Erfahrung auch sehr sicher. Der Kulturbereich im Ganzen ist ein Zweig, der unglaublich unterschätzt wird, von seiner Strahlkraft her und was er für eine Stadt oder einen Ort bewirken kann. Wir denken, diese Einstellung wird sich in den nächsten Jahrzehnten ändern und daran und damit wollen wir arbeiten. Wirtschaftlichkeit muss nicht ausschließlich durch den konkreten finanziellen Output gemessen werden. An dieser Erkenntnis möchte unsere Agentur mitwirken.

IS: Und du willst auch bei IMSÜDEN.AT mitarbeiten. Was können wir uns da erwarten?
DL: Ich bin generell ein Fan von Aneignungen, auch von Hackern und Graffitikünstlern, eben von Leuten, die die Welt beschreiben, oder wieder beschreibbar machen. Ich interessiere mich für Menschen, die ihre Umwelt eigenverantwortlich gestalten und versuchen mit „dem System“ trotzdem ihr eigenes System zu entwickeln. Diese teils prekären, teils faszinierenden Lebensentwürfe, die einzigartig sind, nicht nach dem Schema F funktionieren, die interessieren mich. Hier im Süden gibt es eine ziemliche Dichte solcher „Gestalten“, die ich in meinem Blog liebevoll „Schräggeister“ nennen werde, wenn‘s recht is…

IS: Ist recht! Wir freuen uns scheckig!

Pix: Theresa PewalDaniela Lindhuber

Von Wouk