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"Kärnten ist fett!"

Muss auch mal gesagt werden! Daniela Lindhuber geht für uns auf eine ausgedehnten und hochinformative Erkundungstour durch die dunklen Clubs, verrauchten Studios und vollgeschmierten Proberäume der REGGAE-DANCEHALL-Szene von Chillach.

Wenn du versuchst, die Mitglieder/Members eines Soundsystems zu interviewen, stell dich darauf ein, dass das nix wird. Ich versuche gerade, einen Abend zu rekapitulieren, der nur mehr dunstig in meiner Erinnerung vorhanden ist. Und die 50 Minuten Tonmaterial meines Mitschnitts sind – sagen wir einmal – eher in überschaubarem Maße zu gebrauchen.

Nun gut, also komplett anders, ich nehme euch einfach mit auf meine Erkundungstour durch die dunklen Clubs, verrauchten Studios und vollgeschmierten Proberäume der Reggae-Szene im Süden.

Beginnen wir bei den Roots! Also, im Süden haben wir eine Reggae-Szene – für den einen verwunderlich, für den anderen die eigene Lebensgeschichte:

Es waren einmal vier Sounds in Kärnten. Irgendwie kam keiner von ihnen mehr so richtig voran und eines Tages, in einem vollgeschmierten Proberaum, schloss man sich zusammen – sozusagen als Dachverband für die vier Einzelprojekte – und dann wurden 2011 gleich einmal Mad Cobra und SuperLock (auch ein Zusammenschluss aus Berlin: CityLock und SuperSonicSound) ins Glashaus in Spittal eingeladen.

ls. KIPRICH 2 - APR. 2013 @ Kingston, JAM
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Bis 2012 traten also alle Sounds unter ihrem jeweiligen Namen (Hotsteppa, BooomJah, DJ SMO, Lucky Movement) auf und da das erste hosted by FOUR STAR – Event 2011 richtig fett einschlug, wurden alle Kräfte final gebündelt und die Jungs schossen als FOUR STAR FOUNDATION in Kärntens Dancefloor-Himmel.

Aber angefangen hat alles eigentlich doch schon vor zehn Jahren. Das erklärt auch irgendwie, warum die Jungs im Schnitt circa 200 Auftritte pro Jahr absolvieren, von GERMAICA (GERMAICA hat z.B. gemeinsam mit SEEED diverse Charthits produziert) betreut werden und mindestens einmal pro Jahr nach Jamaica fliegen, um mit den Größen der Szene Dubplates aufzunehmen – ach ja, auf FM4 sind sie auch einmal jährlich zu Gast in der Digital Kunfusion Mixshow, hosted by DJ JOE JOE.

Max, der MC der Crew, schafft es, eine bereits kochende, tanzende und johlende Meute vorm DJ-Pult noch mehr anzuheizen und die Luft damit endgültig zum „Sieden“ zu bringen. Der Mann shoutet ins Mikro, während er an einer Traverse von der Decke hängt, und er hat unheimlichen Spaß daran, bei mir im Kulturhof:keller das ohrenbetäubende Hochdruckhorn zu betätigen, um noch ein Pull-Up anzukündigen, das die tanzenden Massen zumeist final zum Ausrasten bringt. Er erinnert sich:
„Ich kam mit 20 nach Villach und da gab’s einfach nichts – Brachland im Reggae-Party-Bereich. Ich meine, die Leute haben mich gefragt, was ein Reggaedance ist und ob da den ganzen Abend nur Bob Marley läuft! Irgendwann bin ich ins Mystic Roots gestolpert und dadurch habe ich eben doch nicht schon nach zwei Monaten wieder abhauen müssen. Die erste Party gab’s dann 2004, danach kam der erste Sound zustande – Hotsteppa Sound – dann kam noch Chris dazu, der hat auch Partys organisiert und da war schon dieses „Arsch auf Hose – Gefühl“ da, danach kam Tommy, irgendwann dann BooomJah Sound….“

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Chi ching Ching Tour 2014 - presented by Four Star Foundation & TNS
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Chris unterbricht: „Mit der Story kannst eine ganze Zeitung füllen – egal, die Partys im Mystic musst du dir vorstellen wie im Kulte – sticky, die Leute haben sich aneinander gerieben, es war brechend voll! Damals sind in einer Nacht gefühlte 50 Mal die Bullen gekommen, der Nachbar hat – sagen wir einmal – Wasser aus’m Fenster geleert… Pfoah, was haben wir Boxen gezaht!? Gutes Equipment mit den jeweiligen Hausanlagen zu verbinden, hat teilweise den ganzen Tag gedauert – da is’ schon fein heute, da Motte hat seine eigene Firma und die Clubs sind auch auf Qualität ausgelegt!“

Anmerkung meinerseits: „Motte“ ist auch ein Musiker aus diesem unheimlich undurchschaubaren Kärntner-Reggae-Dschungel. Martin war wiederum Keyboarder der Band Sound Safari, die 2008 den Local Heroes Bandwettbewerb gewonnen hat, und führt heute die Firma Sub.Sound Audiotechnik sowie den Sound des Kulturhof:kellers an die oberen Grenzen des Machbaren.

Für alle, die am Anfang nicht wussten, was ich meine: verwirrt? Ha! Das war jetzt nur an der Oberfläche gekratzt, sagt zumindest das Tonband.

Die Liste der Clubs ist lang, vom Mystic zum P2, über‘s Loco zum Cling-Keller, dann Kulturhof:keller, ((stereo)), Glashaus Spittal, Bergwerk Millstatt, … guter Sound breitet sich eben über die Grenzen aus – Salzburg, Wien, Villach, Innsbruck, Klagenfurt, Linz. Damals haben die Jungs 120 Shows im Jahr gefahren, sind vor einem bis hin zu 1.000 Tanzenden aufgetreten und haben währenddessen noch 40 Stunden pro Woche gearbeitet. Das machen sie jetzt noch so, nur mit mehr Shows, neuen Crewmembers (DJ Smo, Tom Hype) und einem neuen Highlight im Veranstaltungskalender: Carnival Arsenal Nights. Da haben die Jungs, die übrigens noch immer so aussehen wie vor sechs Jahren, als ich sie kennengelernt habe, am Hafen in Venedig mit Zion Cuts Sound einen kompletten Live-Floor bespielt. „Das hatte schon was orgienartiges!“ ruft Chris von der Seite rein.

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Apropos Chris, er ist das Multi-Talent des Soundsystems und gleichzeitig der ruhigere der Jungs. Chris macht nicht nur die gesamten Grafikarbeiten, er organisiert, kommuniziert und produziert neue Riddims. Gemeinsam mit DJ SMO und Tom Hype liefert er den Sound, der eine Nacht mit der FOUR STAR FOUNDATION zu einem absoluten Erlebnis macht!

Also, Short-Cut: Die Jungs machen seit 15 Jahren Musik, treten auf, entwickeln sich weiter, haben aus Brachland eine florierende Szene gemacht und bilden mittlerweile auch den Nachwuchs aus. Einmal abgesehen davon, dass sie mit den Größen der Szene zusammenarbeiten: BEENIE MAN kommt am 26. April ins Flex, weil DJ SMO Geburtstag hat, na dann! Das alles machen sie, ohne selbst Geld daraus zu ziehen, denn jeder Euro wird wieder ins Sound System gesteckt, um Flüge, CD-Produktionen, Studio-Sessions und Co. zu finanzieren. Um Förderung haben sie noch nie angesucht – war irgendwie keine Zeit bisher. Eingefahren sind sie auch schon und zwar richtig, denn Musiker zu sein, ist den Kerlen eben nicht genug gewesen, veranstaltet wurde da auch noch – zwischen megageil und Megadesaster war alles dabei.

Unterm Strich bleibt die Liebe zum Reggae und da schreien die Jungs auch gleich auf, denn einer der größten Irrtümer ist, dass es sich bei ihrem Sound lediglich um das Genre Reggae handelt. Die Jungs machen REGGAE DANCEHALL HIP HOP JUNGLE SOCA DUB ISLAND-POP FUNK REMIX MASH UP SCHRAMML AUSTRO POP AND EVERYTHING IN BETWEEN – also verstaubtes, eingeschlafenes Rock-Steady is’ nicht für alle, die noch Hemmschwellen verspüren, sich den Wogen der Menge und dem Sound, der deinen Körper ohnehin nicht stillstehen lässt, auszusetzen. Max: „Das Lustigste für uns ist, die Leute wissen gar nicht, dass sie zu jamaikanischen Artists abgehen. Im Fernsehen, im Mainstream-Radio, überall hört man die Tunes von Bounty Killer, Mad Cobra, Beenie Man – die meisten wissen gar nicht, was sie hören, glauben, es ist HipHop, dabei sind’s reinste Dancehall-Tunes. Ganz Villach hat am Kirchtag Beenie Man gesungen und keiner hat’s gewusst!“

Und was ist es, das euch nicht loslässt, warum diese Szene, dieses unheimlich facettenreiche Genre der Weltmusik, das von YEAH!- bis SPEIB!-Rufen eigentlich alles auslösen kann?
„Der Austausch! Wir holen Acts aus der ganzen Welt her und fahren wiederum zu denen. Okay, wir haben’s auch echt gut mit der Infrastruktur in Villach – die ist maximal noch zu vergleichen mit dem Posthof in Linz, aber Kärnten ist fett, die Acts kommen gern zu uns und wir decken mittlerweile fast ganz Europa ab“, meint Chris.

„Und außerdem macht’s einfach richtig Laune, wir sind eine Familie, wir hören und sehen uns ständig, hocken zusammen, jeder arbeitet für sich und dann wird wieder mal alles auf einen Haufen geschmissen und raus kommen einfach Sachen, die den Leuten zu gefallen scheinen!“

Jetzt lacht die ganze Runde, denn „gefallen“ ist so etwas von untertrieben. Aber die Jungs rasten sich nicht darauf aus, dass sie in Kärnten nicht einmal Flyer machen müssen, um die Buden voll zu kriegen.

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mit Sean Paul

Mein Tonband läuft noch, es erzählt vom Osoppo Reggae Festival (damals war’s noch in Osoppo, heute ist’s in Barcelona), von der riesigen italienischen Reggae-Szene, von Partynächten auf Jamaica, an denen man von Club zu Club zieht, zwei Stunden Party macht und dann ein paar Meter weiter die nächsten zwei Stunden unterm Sternenhimmel tanzt. Es erzählt von kleinen Wellblechhütten, in denen sich komplette Aufnahmestudios befinden, und im 30-Minuten-Takt geben sich die Stars die Klinke in die Hand; von Projekten, die sich noch in der Planung befinden, vom Arbeiten am Strand und 14-stündigen Dubplate-Sessions, vom Schumi-Haus und von Storys, die nicht einmal hinter vorgehaltener Hand erzählt werden können. Und am meisten zeugt das Tonband davon, dass diese Künstler wirklich Ahnung haben von dem, was sie machen, und ihre Musik nicht nur im Kopf oder Herzen, sondern im ganzen Körper tragen!

Was wünscht ihr euch noch?
„Eine Traverse für Max im Kulturhof:keller!“ brüll-lacht’s synchron aus meinem Tonbandgerät. Gut, das sollte sich machen lassen! Ihr könnt gerne am 28. März nachsehen, ob euer Wunsch schon in Erfüllung gegangen ist. Da ereignet sich nämlich wieder einmal eine FOURWARD-Party, die Jungs holen RIDDIM ROYALS SOUND und bringen gemeinsam garantiert den Mörtel dazu, aus den Fugen zu bröseln!

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Pix: Four Star Foundation, Volumina Photography


Daniela Lindhuber
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