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Plastikfrei – der letzte Schrei?

Mein Selbstversuch, einen Monat plastikfrei einzukaufen. „Sie können den Kaffee bitte auch gleich hier reinmachen“, meine ich und reiche der Dame in der Bäckerei meinen selbstgemachten ToGo-Becher aus einem umfunktionierten Marmeladenglas mit gehäkeltem Isoliermantel. Sie schaut ein bisschen verwundert, murrt aber nicht weiter. „Is eigentlich eh besser“, meint sie als ich bezahle und meinen Cappucino zuschraube. Und da hat sie wohl recht.

Das ist der dritte Versuch, einen Text darüber zu schreiben, wie es ist, einen Monat plastikfrei einzukaufen. Darüber zu berichten fällt mir schwerer als meine Äpfel im Jutebeutel einzupacken. Nachhaltig leben ist der heißeste Shit unserer Zeit: Wie, du isst noch Fleisch? Wie, du fliegst anstatt Zug zu fahren? – Viele der durchgekauten Gutmenschen-Storys können wir einfach nicht mehr hören. Deshalb verzichte ich darauf, zu erklären, was der ökologische Hintergrund ist. Ich glaube, das wissen eh alle. Ich verzichte auch darauf, aufzuzählen, was ich kaufe und was nicht. Wen’s interessiert, den kläre ich gerne auf. Vielmehr will ich erzählen, was mir passiert ist, als ich 31 Tage auf Plastik im Einkaufskorb verzichtet habe.

Die Idee: Anfang des Jahres habe ich beschlossen, mich einer Challenge zu stellen: Einen Monat kein Plastik kaufen. Bekanntheit hat diese Herausforderung im November 2014 gewonnen. Die europäische Kommission hat im Parlament einen Gesetzesentwurf vorgestellt, der vorschlägt mittels Abgaben auf Einweg-Sackerl deren Verbrauch um 80 Prozent zu senken. Viel unmittelbarer wurde das Thema auf Facebook bekannt: Die beiden Bloggerinnen Meret und Kiki (LINK: https://buynoplastic.wordpress.com/) haben dazu aufgefordert: buynoplastic4amonth!

Im Bad: Das Thema ist mir nicht neu: Meine Bekannte Tamara aus München verzichtet seit Jahren an verschiedenen Stellen auf Plastik, vor allem im Badezimmer. Auch mich hat sie gleich inspiriert: Ich kaufe kein Waschmittel, dusche mit einem Stück Seife und verwende Zahnpasta aus der Alutube.

In der Küche und Draussen: Und jetzt gilt eben auch bei den Lebensmitteln für mich: Kein Plastik mehr. Am Anfang noch etwas ungewohnt, trage ich nun immer Jutebeutel, Glastrinkflasche und plastikfreien Kaffeebecher bei mir. Das braucht zwar eine größere Tasche, aber ich muss nicht auf Coffee to go oder den spontanen Einkauf nach der Uni verzichten.

Ich bin ein Freund vom Selbermachen: Jogurt, Brot und Marmelade sind Produkte, die einfach gehen und in deren Herstellung ich schon routiniert bin. In meiner plastikfreien Zeit habe ich mein Do-It-Yourself-Repertoire auf Putzmittel und Shampoo erweitert. Für einen Heimarbeits-Liebhaber wie mich die reinste Freude. Gut, aber das kann vielleicht nicht jeder nachvollziehen.

Im Supermarkt: Im Februar ging’s los: Ich beobachtete mich beim Einkauf, achtete darauf, bei welche Produkten es Schwierigkeiten gibt und suchte nach Alternativen: Nudeln im Pappkarton, Saft in Glasflaschen, Käse im Wachsmantel..

Ein bisschen peinlich war es mir beim ersten Mal schon, mir die Karotten von der Marktfrau in meinen Stoffbeutel packen zu lassen. Dabei schien es für sie, das Normalste der Welt zu sein. Der Tankstellen-Verkäufer meinte sogar: „Gern geb ich dir die Laugenstange auf die Hand, dann spar ma gleich a Sackerl.“ Ich lieb den jetzt. Klar, niemand will auffallen. Mich erklären… und dann noch im Haifischbecken „Nachhaltiges Leben“ … das umschiffe ich gerne. Ich bin froh, dass mich den ganzen Monat nur eine einzige Verkäuferin je gefragt hat, warum ich das so kompliziert mag.

 

Und ich werde zum Magneten: Ich beobachte, kaum dass ich anfange, mich mit dem Thema zu beschäftigen, wie die Infos sintflutartig auf mich einstürzen. Jeder kennt Links zu Dokumentationen, schickt mir Instagram- und Pinterest-Profile und teilt Zeitungsartikel auf meiner Facebook-Wall. Je mehr der Monat voranschreitet, desto mehr bekomme ich das Gefühl, die ganze Welt verzichtet auf Plastik. Das nennt man wohl Betriebsblindheit. Ich muss einen Schritt heraustreten aus der Blase, um mich wieder zu finden. Verbringst du nur Zeit mit Gleichgesinnten, übersiehst du schnell die Realität.

Die Ernüchterung – Im Urlaub: Die letzten Tage im März verbrachte ich in Kiew. Urlaub. Vieles erinnert mich hier an meine Zeit als ERASMUS-Studentin in Bukarest. In dem am Anfang genannten Gesetzesentwurf der Europäischen Kommission wird der Pro-Kopf-Verbrauch an Plastiktüten aufgelistet. Im Gegensatz zu Österreichern mit 50 Sackerln, haben Rumänen mit 250 Sackerln den fünffachen Verbrauch. Bei uns gibt es ein funktionierendes Recyclingsystem oder die Möglichkeit, Getränke in Mehrwegflaschen zu kaufen. Der Versuch, drei Tage plastikfrei in der Ukraine zu leben, hat mir gezeigt, dass eben nicht, wie kurz im Instagram-Wahn angenommen, eh schon die ganze Welt plastikfrei einkauft. Die Suche nach Wasser in der Mehrwegflasche ist gescheitert. Der Versuch, Kiewer Leitungswasser zu trinken im Übrigen auch. Hier musste ich auf Wasser aus dem 5l-Plastikanister zurückgreifen. Alles andere hat auch im fremden Land und dank meiner für Umstände verständnisvoller Reisebegleitung geklappt.

Im Großen und Ganzen: Ohne Plastik – Das ist, in Klagenfurt, gar nicht so schwer, wie man meint. Ich habe mich so daran gewöhnt, dass ich einiges sicher beibehalten werde. Obst und Gemüse muss nicht im Plastiksackerl landen. Nudeln schmecken im Karton genauso gut und Jogurt kann ich mir selbst machen. Nur auf eins freue ich mich wieder: Halbfette H-Milch aus dem Tetra-Pack! Ganz ehrlich, liebe Hippies, ich verstehe nicht, was man an frischer Vollfett-Milch vom Markt findet!

Trash is for Tossers, Bitches!

Die Sünden:

2 x Butter – hier war ich mir nie sicher, ob Butterpapier beschichtet ist oder nicht.

X-mal Bier – Ist dir schon mal aufgefallen, dass die Dichtung im Kronkorken aus Plastik ist? Und ein Monat ohne Bier – nein danke, das nächste Mal.

1 x Kochbuch – Das Kochbuch, das ich einer Freundin zum Geburtstag gekauft habe, war noch eingeschweißt. Was hätte ich tun sollen?

1 x Strumpfhosen – Es ist Frühling geworden und meine alte schwarze Strumpfhose hatte eine Laufmasche. Ihr Mädels versteht den inneren Konflikt, oder?

2x 5l-Wasserkanister in Kiew

PIX: Lucia Schöpfer, Itziar Lopez

Von admin

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