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„Manchmal steht Tante Mici empört auf und verlässt den Saal!“

Die RaDeschnig-Zwillinge: „Am Dochbodn steh’n die Sochn, jo die Sochn, vom Franze,…“, ertönt’s im Sopran – Mezzosopran ergänzt. Wild entschlossen reißen zwei Frauenarme die Quetsch‘n außeinander. Die Zweite auf der Bühne drückt die Klappen ihrer Klarinette, dass die Fingerkuppen vor Blässe nur so strahlen. Und meine Hände? Die eine presse ich auf den Bauch, der wegen dem Dauerlacher langsam zu krampfen beginnt. Die andere greift nach dem Stuhl, damit’s mich vor lauter Glucksen und Gackern nicht runterkatapultiert. Zugegeben, wie – was – wo geschieht: keine Ahnung. Aber es flasht!

Voilà! So oder so ähnlich verlief mein erstes Treffen mit den RaDeschnig-Zwillingen aus Völkermarkt. Möge man ihre Gesichter vielleicht vertauschen. Die Kleinkunst der nunmehrigen Wahl-Wienerinnen Birgit und Nicole ist unverwechselbar: schwarzer Humor! Bissig, bodenständig, mit Kärntner „Hmtata“  und gewiefter Tragik servieren sie Chilischoten-scharfen Sarkasmus.

IMSÜDEN.AT: Heute ist mein zweites Treffen mit euch und ich hab‘ den Franze und seinen „Dochbodn“ immer noch in den Ohren. Frage an die Übeltäterinnen: Was soll ich tun?
Nicole: Das ist doch nichts Schlechtes?! (lacht) Hat bis jetzt noch niemand zu uns gesagt. Wir sind Leute gewöhnt, die geschockt auf das Lied reagieren und den Text kritisieren! Es bricht ja komplett …
Birgit: … Kinder finden ihren Vater erhängt am Dachboden, und das begleitet von stimmungsvoller Volksmusik: Ein sehr überraschender Moment. Die verschiedensten Ebenen sind besetzt – von der fröhlichen bis zur tragischen.

IS: Das ist ja, was eure Kunst ausmacht. Zwischenzeitlich möchte man die Handflächen auf die Ohren pressen, die Augen krampfhaft zukneifen, und gleichzeitig schreien: Ich will meeeeeeehr davon! Wie schafft ihr das bloß?
Birgit: Oh, danke! Wir versuchen einfach beim Schreiben nicht den Anspruch aus den Augen zu verlieren, den wir selbst an uns haben.
Nicole: Dann entsteht der Stil – im Idealfall – von ganz alleine.
Birgit: Stimmt! Beim „Franze“ bin ich in Kärnten gesessen und hatte plötzlich die Idee von einem Mann im Kopf, bei dem im Leben irgendetwas schief gelaufen ist.
Nicole: Kleinigkeiten, die einen kurz aus der Bahn werfen, aber ins Gewicht fallen…
Birgit: … in Verbindung mit Volksmusik, die ständig gegen den dramatischen Text arbeitet: Das find‘ ich spannend. Und da war die ganze Geschichte auch schon ratz fatz dahingeschrieben. Solche „Ratz-fatz-Dahinschreibmomente“ sind aber selten. Leider!

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IS: Welche sind denn diese typischen Momente, in denen neue Kunst entsteht?
Birgit: Untertags wird beobachtet, gespeichert und nachts kommen Ideen für Szenen. Aber natürlich wird alles etwas absurder geschrieben.
Nicole: Oder es entsteht irgendetwas aus der Not heraus. Wenn einem gar nichts mehr einfällt (lacht).
Birgit: Dann eilt oft der Druck zu Hilfe!
Nicole: Ja! Denn wenn keiner da ist, versucht sich das Gehirn abzulenken und bockt. So schön’s auch ist, freischaffend zu sein: Da wurschtelst die ersten Jahre irgendwie herum … zum Glück haben wir jetzt unsere Agentur, die sorgt für das gesunde Quäntchen Druck (lächelt).

IS: Kärntner Sitten, Bräuche, und das obligatorische „Griaß eich Gott“ sind vor allem in eurem ersten Programm das Werkzeug schlechthin. Wie reagiert das Publikum auf euch? Was, wenn Tante Mici vom Trachtenverein darin sitzt?
Birgit: Man kann nur mit positiver Stimmung an die  Sache herangehen und hoffen, dass das Publikum darauf einsteigt. Es passiert trotzdem oft, dass es sich Anderes von uns erwartet. Niemals ein Programm, das so ins Tragische kippt. Ich find‘ das aber nicht schlecht, das Publikum a bissl zu erziehen (lacht).
Nicole: Ja, gerade im zweiten Programm wird das Sterben thematisiert, ein Thema, mit denen sich die Wenigsten auseinandersetzen wollen. Manchmal steht Tante Mici vom Trachtenverein auch empört auf und verlässt den Saal. „Des muas oba echt nit sein, doss junge Dirndln sowos mochn“…

 IS: Ihr seid Zwillingsschwestern in der extrem männerlastigen Branche Kabarett. Wie oft müsst ihr Gender-Fragen beantworten
Birgit: Fast jedes Mal! (lacht)
Nicole: Bei vielen Kabarettistinnen geht es in den Programmen um typische Mann/Frau-Klischees. Wenn zum Beispiel von „Männerhaltung“ gesprochen wird, dann zieht`s mir alles zamm. So etwas  finden wir einfach nicht spannend. Mühsam ist es auch, sich als junge Frau jedes Mal die ersten zehn Minuten vom Publikum erkämpfen zu müssen, während „ein Mann trägt eine Perücke und spricht mit hoher Stimme“ eigentlich immer funktioniert.

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IS: Apropos Mann mit Perücke. Ihr mögt den Fasching nicht?
Nicole: Oh ja! Die Abneigung gegen den Fasching war immer schon da. Dieses elendige Männerballett!
Birgit: Unheimlich! Einmal im Jahr alles aus sich raus lassen und sich den Rest des Jahres wieder verstellen … diese Sketches auf Faschingssitzungen über ältere Paare, die komplett respektlos miteinander umgehen. Und bei 80 Prozent der Leute, die im Publikum sitzen und sich darüber wegschießen, läuft’s daheim wohl genauso ab. Das finde ich eher traurig!

IS: Zurück zu  eurer Kunst. Wie erholt ihr euch eigentlich von so viel schwarzem Humor? Baldrian-Tropfen zum Ausgleich?
Birgit:  Schwarzer Humor ist eher Erholung vom tristen Alltag, da musst du ja nur einmal die Zeitung aufschlagen …

IS: Darum geht’s doch auch in eurem neuen gesellschaftskritischen Programm? Verschiedene Magazin-Seiten werden zum Leben erweckt.
Birgit: In „Experimensch“ thematisieren wir, wie Menschen sich beeinflussen lassen, wenn es um die Themen Gesundheit und Glück geht. Wenn sie jeden Ratschlag annehmen und sich damit erst recht ins Unglück stürzen.
Nicole: … und Angst! Unsicherheit! Die Menschen vertrauen nicht mehr auf sich selbst. Sie werden so zugemüllt von Dingen, die glücklich machen sollen. Und wenn davon nichts hinterfragt wird, dann kenntst di irgendwann gar nimma aus Hab‘ ich jetzt einen Blödsinn gesagt?
Birgit: Nein. Eh gut!

IS: Werden wir das auch bald in Kärnten zu Gesicht bekommen?
Birgit: Die Kärnten-Premiere von „Experimensch“ ist leider erst nächstes Jahr, vermutlich im Sommer.

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IS: Das heißt, ihr testet gerade im Rest Österreichs aus, ob’s der Süden verkraftet?
Birgit: Besser so, bevor wir uns der bekannten Meute stellen (lacht)!
Nicole: In Wien tun sich außerdem gerade richtig tolle Sachen für uns auf. Da wartet Wunderbares!

IS: Na, da bleibt nichts anderes, als viele kreative Stunden zu wünschen!
Nicole: Puh, zum Glück waren keine Zwillingsfragen dabei (lacht) …

Birgit und Nicole Radeschnig, Löwe-Ladys aus dem Jahrgang 1984, wohnen gemeinsam in Wien. Neben ihrem großen Baby, dem Kabarett-Projekt „RaDeschnig“, wirken sie in verschiedensten künstlerischen Produktionen mit (Musikumrahmungen, Lesungen etc.). Das unverwechselbare Stilmittel der beiden ist ihr Auftritt im Doppelpack – plus ihre verspielten Hände: Sie beherrschen Gitarre, Akkordeon, Klarinette, Klavier. Und natürlich ihre Stimmen. Mehr davon? www.radeschnig.net

Pix: Pia Kulmesch

Von Wouk

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