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Starkes Netzwerk fürs Gehirn

„Das Leben ist wie ein Buch. Jeden Tag blättert das Schicksal eine Seite um.“ Diese Tatsache musste Ricarda Motschilnig aus nächster Nähe erfahren. Ihr Bruder zog sich bei einem Sturz über die Treppe ein schweres Schädel-Hirn-Trauma zu. Von diesem Unfall geschockt, musste sie zusätzlich erleben, dass man in so einer Situation oft alleine im Regen stehen gelassen wird. Kaum Anlaufstellen, wenig Informationen und stigmatisiert in der Bevölkerung. Genau hier setzte Ricarda den Hebel an um betroffenen Menschen zu helfen und den Süden so ein Stück besser zu machen.

Gemeinsam mit MAZDA ÖSTERREICH stellen wir euch im zweiten Teil unserer Serie „BESSER IMSÜDEN.AT“ die Gründerin des Vereins „HIRNverletzt vernetzt“ vor, der in Kärnten mittlerweile eine wichtige Anlaufstelle für Betroffene und deren Angehörige ist.

Ricarda Motschilnig

IMSÜDEN.AT: Hallo Ricarda! Du bist Gründerin des Vereins HIRNverletzt vernetzt! Wir müssen dich das jetzt einfach als erstes fragen: Wie seid ihr eigentlich auf diesen schrägen Namen gekommen. Der ist ja, sagen wir mal, sehr „offensiv“.
Ricarda Motschilnig: Ja, das war auch eine schwere Entscheidung. Auch weil gerade dieses Thema sehr sensibel ist. Anfänglich wollten wir einen abstrakteren Namen, aber um auf das Thema aufmerksam und Bewusstseinsbildung zu betreiben, haben wir uns für diesen Namen entschieden. Es haben sich zwar einige vor den Kopf gestoßen gefühlt, aber das ist das, was es ist – das Leben!

IMSÜDEN.AT: Verständlich. Viele Menschen tun sich mit solchen Themen einfach schwer. Aber nun zum Wichtigen: Was macht dein Verein und vor allem: Wie macht er den Süden besser?
Ricarda Motschilnig: In erster Linie wollen wir die Situation für Menschen mit Hirnschäden und deren Angehörige verbessern. Dazu gehört, dass wir Betroffene, Angehörige, Experten und Institutionen näher zusammenbringen. Es geht uns darum, dass niemand in einer solch schwierigen Situation alleine da steht. Damit das gewährleistet wird, sorgen wir dafür, dass sowohl Betroffene, Angehörige und Experten aus allen möglichen Bereichen ihren Input einbringen und so die Strukturen verbessern.

IMSÜDEN.AT: Das klingt ja schon mal nach einem guten Ansatz. Aber wie sieht das konkret aus?
Ricarda Motschilnig: Konkret wäre das zum Beispiel die Verbesserung der Versorgungsketten in Krankenhäusern oder Pflegeinstitutionen. Ein besonderes Anliegen ist uns aber auch die Vernetzung! Dabei geht es darum untereinander Erfahrungen, Kenntnisse und Fähigkeiten auszutauschen und im Netzwerk zu verbreiten. Man muss das Rad ja eigentlich nicht neu erfinden. Ein stärkerer Zusammenhalt und besserer Informationsfluss gibt den Menschen bereits das Gefühl, dass wer da ist, der sie unterstützt. Was uns natürlich auch noch wichtig ist, ist die Bildung einer starken Interessensvertretung. Um gehört zu werden und bei der Gesellschaft Bewusstsein zu schaffen, muss man bei politischen Entscheidungsträgern schon auch mal Druck machen.

IMSÜDEN.AT: Und? Ich hoffe ihr habt den hiesigen Politikern ordentlich den Kopf gewaschen!
Ricarda Motschilnig: Sagen wir mal so: Seit wir lästig sind, bewegt sich auf jeden Fall etwas. Mittlerweile sind wir bei der Landesregierung bekannt und pochen regelmäßig und hartnäckig auf Verbesserungen.

IMSÜDEN.AT: Hilft das?  Politiker sind ja nicht gerade bekannt dafür, sehr dynamisch zu handeln!
Ricarda Motschilnig: Es gibt Vorschläge für Institutionen und Strukturen für die Zielgruppe. Wir wissen, dass konkrete Planungen da sind, die aber erst bis zum Ende durchdacht werden müssen. Da muss man natürlich auch etwas Geduld mitbringen. Ich bin aber sehr zuversichtlich, dass die Politik in diesem Bereich ebenfalls etwas bewirken möchte.

Hirnverletzt vernetzt Flyer

IMSÜDEN.AT: Wie viele Leute seid ihr mittlerweile eigentlich im Verein?
Ricarda Motschilnig: Im ersten halben Jahr war ich mit den Vorbereitungen noch allein auf weiter Flur. Mittlerweile sind wir aber um die 30 Leute, die aktiv dabei sind. Insgesamt haben wir einen Pool von über 100 Leuten. Da sind Physiotherapeuten, Fachleute und Therapeuten jeder Art dabei, hauptsächlich aber Betroffene und Angehörige.

IMSÜDEN.AT: Größte Triebfeder für tolle Projekte sind ja sehr oft auch einschneidende persönliche Erfahrungen. War das bei dir auch so?
Ricarda Motschilnig: Ja, eigentlich schon. Der Auslöser für die Gründung war mein Bruder, der sich nach einem Sturz vor dreieinhalb Jahren ein Schädel-Hirn-Trauma zugezogen hat. Bis zu diesem Zeitpunkt lief in seinem Leben eigentlich alles wie im Bilderbuch. Mit 27 Jahren hatte er bereits sein drittes Studium abgeschlossen, war Vorzeigesportler, dreifacher Ironman und auf einmal – ZACK – von einem Moment auf den anderen war alles anders. Er ist eine Stiege runtergestürzt, unglücklich auf dem Kopf gelandet und seitdem geistig und körperlich schwer beeinträchtigt.

IMSÜDEN.AT: Puh! Da sieht man mal wieder, wie schnell es im Leben gehen kann. Kann man sich von so einer Verletzung wieder erholen?
Ricarda Motschilnig: Manche erholen sich zu einem großen Maße wieder. Andere wieder nicht. In erster Linie entscheidet das Ausmaß der Verletzung. Bei meinem Bruder ist es leider sehr hoch. Aber ich darf mich nicht beschweren – es gibt auch Leute die im Wachkoma liegen und nie mehr zu sich kommen. Das Positive ist auf jeden Fall, dass sich auch nach Jahren noch eine Verbesserung einstellen kann. In Wirklichkeit können aber nicht einmal die größten Spezialisten und Fachärzte genau sagen, wie sich so eine Verletzung entwickeln wird. Das Gehirn ist einfach so komplex, dass eine genaue Vorhersage unmöglich ist.

IMSÜDEN.AT: Das heißt dein Bruder braucht auch Unterstützung im täglichen Leben?
Ricarda Motschilnig: Am Anfang war es für die ganze Familie schwer. Mittlerweile haben meine Eltern und ich aber ein Team von Betreuern und Therpeuten für ihn zusammengestellt, dem wir vertrauen.

IMSÜDEN.AT: Kann er sich ausdrücken? Bzw. wie drückt er sich aus?
Ricarda Motschilnig: Er kann sprechen, aber sagt immer das gleiche. Man nennt das Echolalie. Es ist wie bei einer Schallplatte, die einen Sprung hat. Aber er versteht alles. Er kann sein Umfeld voll wahrnehmen. Er ist eigentlich da, kann sich aber nicht richtig mitteilen. Worüber wir aber sehr glücklich sind, ist, dass er trotzdem immer gut drauf ist. Das ist einfach mein Bruder, der ist so!

IMSÜDEN.AT: Ist so etwas ein Tabuthema in der Öffentlichkeit?
Ricarda Motschilnig: Auf jeden Fall. Über sowas redet man nicht gerne. Das zählt aber auch für Behinderungen im Allgemeinen – die Leute beschäftigen sich nicht gerne mit unangenehmen Dingen. Es ist ja auch erschreckend. Wenn man damit konfrontiert wird, realisiert man, dass es einen selbst auch erwischen kann.

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IMSÜDEN.AT: Seid ihr eigentlich die einzigen im Süden, die sich in diesem Bereich einsetzen oder gibt es da auch noch andere?
Ricarda Motschilnig: In Villach gibt es auch noch den „Verein zur Förderung der neuropsychologischen Rehabilitation“, mit dem wir zusammenarbeiten und der eine Selbsthilfegruppe für Betroffene organisiert. Das war aber eigentlich auch schon alles was es in Kärnten vor uns gegeben hat.

IMSÜDEN.AT: Merkst du, dass die Menschen dankbar für einen solchen Service sind?
Ricarda Motschilnig: Natürlich. Unser Angebot wird absolut angenommen. Nachdem letztens in der Zeitung über uns berichtet wurde, ist mein Telefon tagelang heißgelaufen.

IMSÜDEN.AT: Weil du gesagt hast „Angebot“ – welche Angebote organisiert ihr?
Ricarda Motschilnig: Wir veranstalten regelmäßig unsere „Netzwerktreffen“. Da geht es dann darum die Aktivitäten des Vereins zu klären und Bedürfnisse zu eruieren. Wo soll sich was bewegen? Was wollen wir hinsichtlich der Landesregierung machen? Wie gehen wir konkret vor? Und so weiter. Es geht aber auch ums Kennenlernen und den gegenseitigen Austausch. Es ist jeder willkommen und es sind auch schon Freundschaften entstanden. Im zweiten Teil der Treffen findet dann meistens ein Workshop und Informationsaustausch statt.

IMSÜDEN.AT: Klingt interessant. Wann dürfen wir bei solch einem Netzwerktreffen dabei sein?
Ricarda Motschilnig: Bald! Am 29. März findet das nächste Treffen in Klagenfurt in der Anwaltschaft für Menschen mit Behinderungen statt. Wir starten um 14 Uhr mit einem Beratungsnachmittag und ab 17 Uhr findet dann der Workshop mit dem Psychologen Franz Lämmereiner statt. Ausklingen wird das Ganze mit dem informellen Netzwerktreffen, wo sich die Leute ganz ungezwungen austauschen können.

IMSÜDEN.AT: Da kommen wir gerne!

INFOS
HIRNverletzt vernetzt
www.hirnverletzt.at
www.facebook.com/hirnverletztvernetzt
office@hirnverletzt.at
T 0660 723 79 95

Nächste Veranstaltungen
Netzwerktreffen mit Beratungsnachmittag und Workshop
29. März 2016, ab 14:00 Uhr
Anwaltschaft für Menschen mit Behinderungen
Klagenfurt
Völkermarkter Ring 31

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Von admin

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