Genuss IMSÜDEN.AT
Foto 5
Dieser Artikel wird unterstützt von


Vom Schulschwänzer Lokal – zum Integrationscafe

Das Stadtcafé. Von außen ein Innenhof-Café, wie es viele gibt in Klagenfurt. Und doch wird da Großes geleistet. Unauffällig, aber effektiv. Man lernt wieder einmal, wie wenig man zum Glücklichsein braucht.

Stadtcafé – wo soll das sein und was ist daran besonders? Der Tipp eines geschätzten Berufskollegen lenkt mich in den Innenhof des „Goldenen Brunnen“ in der Lidmanskygasse 8. Kaum 200 Meter vom Benediktiner Markt, einem der belebtesten Plätze Klagenfurts, entfernt und doch bisher so ganz außerhalb meines Bewegungsradius. Im Innenhof ein erster Hinweis. „Respektvoll. Miteinander.“ steht neben dem Logo auf der Kopfblende. Und dazu der Hinweis auf den Arbeitgeber, die „Diakonie de la Tour“.

Im Café begrüßen mich Gabriele Schöffmann als Leiterin und die Sozialpädagogin Barbara Brunner. „Vor bereits 13 Jahren hat die Diakonie de la Tour das schon bestehende Café übernommen und aus dem ehemaligen von Schulschwänzern gerne frequentierten Lokal ein Integrationscafé gemacht“, erläutert Gabriele Schöffmann. Ich notiere „Sohn fragen“ und fühle schon jetzt, dass ich die Antwort gar nicht wissen will. Ein netter junger Mann serviert uns die Getränke und ich frage mich, was an dem „anders“ sein soll als an normalen Kellnerlehrlingen. „Wir bilden sozial benachteiligte und lernschwache Jugendliche aus“, sagt Barbara Brunner, meinen Blick bemerkend. „Das war eine Lücke, denn diese Jugendlichen sind, bis wir uns ihrer angenommen haben, irgendwie durch den Förderrost gefallen. Einerseits sind sie zu gut für den Behindertenbereich, andererseits sind sie aber auch nicht stark genug um sich aus eigener Kraft in den Arbeitsprozess einzugliedern. Wir bieten diesen jungen Menschen die Chance den Beruf „Restaurant-Fachfrau/-mann“ zu erlernen. Und wir begleiten sie vom Beginn der Ausbildung über die gesamte Lehrzeit bis zur Jobvermittlung danach.“

Ich lasse mir die komplexe, bereichsübergreifende Zusammenarbeit mit dem Verein AutArk erklären, staune über das breite Angebot an Dienstleistungen der Diakonie de La Tour mit ihren mittlerweile 1.200 Mitarbeitern und auch darüber, wie wenig man als klassischer Mittelständler mitbekommt, was da abgeht und was Sozialstaat wirklich bedeutet.

Foto 2

„Also auch Jobvermittlung“, hake ich nach… „Klar“, sagt Gabriele Schöffmann. „Das wird von unseren Fördergebern, dem Sozialministerium und dem Land Kärnten, auch ausdrücklich verlangt und ist der Gradmesser für unseren Erfolg. Ohne Erfolg keine Förderung. Wir haben aber schon 25 Lehrlinge erfolgreich vermittelt und damit unser Ziel erreicht. Wir halten den Kontakt zu Familie, Berufsschule, anderen Praktikumsbetrieben und kennen die Fähigkeiten unserer betreuten Jugendlichen natürlich sehr gut. Daher können wir sie auch gezielt weitervermitteln.“ Für mich ist das Wort „Lehrling“ aus den Erfahrungen im eigenen Betrieb nicht nur positiv besetzt und so lege ich gezielt den Finger auf die Wunde und frage nach den Schwierigkeiten und ob diese Lehrlinge Extraschutz genießen. „Nein“, meint Sozialpädagogin Barbara Brunner, „ unsere Lehrlinge haben einen ganz normalen Lehrvertrag. Natürlich ist nicht immer alles eitel Wonne. Die jungen Leute kommen schließlich meist aus schwierigen sozialen Verhältnissen und gerade in den pubertären Phasen sind wir oft sehr gefordert. Aber wir werfen nicht gleich die Flinte ins Korn, sondern suchen das Gespräch und setzen ganz gezielt therapeutische Maßnahmen. So gelingt es uns Emotionen abzubauen und sie wieder aufzurichten. Jeder hat in diesem schwierigen Lebensabschnitt Probleme, aber mit Empathie und viel Geduld tragen wir das Unsere dazu bei, dem Leben der jungen Menschen wieder einen Sinn, eine Perspektive zu geben. Oft sind sie die einzigen in der Familie, die einen fixen Job haben. Das macht sie stolz und fördert ihr Selbstbewusstsein. Uns macht es stolz, wenn wir sie dauerhaft in den Arbeitsprozess eingliedern können, damit sie nicht wieder in ihr altes soziales Umfeld abrutschen.“

Ich beobachte, wie freundlich die Kunden mit den Lehrlingen umgehen, als ob sie wüssten… „Natürlich wissen unsere Stammkunden Bescheid“, liest Gabriele Schöffmann meine Gednken, „deshalb sind wir auch froh, wenn neue Kunden kommen. Wir wollen, dass unsere Lehrlinge den ganz normalen Stress auch in Spitzenzeiten kennen und aushalten lernen. Deshalb bieten wir auch selbstgemachte Tagesgerichte sowie Brötchen, Getränke und Kuchencatering an. Einmal haben wir 700 Brötchen für eine Maturafeier geliefert, da musste selbst unsere Sozialpädagogin (lacht) sich als Gastronomiefachfrau betätigen.“

Und was bringt euch Ausbildnern und Sozialpädagogen die größte Befriedigung? „Wenn ehemalige Lehrlinge uns noch nach Jahren als Gäste besuchen kommen, dann fühlen wir uns als Familie und freuen uns über Erlebnisse, Kinder und alles Mögliche. Es gibt uns selber viel Kraft, man besinnt sich auch selber wieder darauf, wie wenig es braucht zum Glücklichsein. Ein fixer Job gehört schon dazu.“

Ich bedanke mich für das Gespräch und gehe mit dem Vorsatz meinen gesamten Bekanntenkreis zu mobilisieren das Stadtcafé in ihren Besuchsradius aufzunehmen. Dem „alten“ Berufskollegen werde ich für den Tipp ein Bierchen spendieren. Im Stadtcafé.

Nachsatz
Zwei Tage später machten meine Frau und ich die Probe aufs Exempel und probierten als Tagesgericht eine Pizza mit selbstgemachtem Teig. Geschmacklich ausgezeichnet, der Teig flaumig und die Bedienung auch inkognito sehr professionell.

Und ja, ich kann es mir doch nicht verkneifen und frage den mittlerweile längst erwachsenen Sprössling in unverfänglichem Tonfall: „und, wo hat man sich so herumgetrieben in der Schulzeit…?“. Er grinst: „und wo warst du…?“. „Wie oft habe ich dir gesagt, dass man auf eine Frage nicht mit einer Gegenfrage antwortet“!

 

Stadtcafé
Lidmanskygasse 8
Öffnungszeiten:
Montag – Freitag von 7:30 Uhr bis 18 Uhr,
Samstag von 7:30 Uhr bis 13 Uhr,
Sonn- und Feiertag geschlossen.

Betriebsurlaub von 24.12.2015 – 06.01.2016


Foto Gerhard Smuck
Gerhard Smuck
GERHARD F. SMUCK ist Absolvent der „Universität des Lebens“.  Zuerst Fachmann im Grafischen Gewerbe. Dann Einstieg in die goldene Zeit ..
Infos
Businessbeach
DSC03202
Businessbeach
IMG_0120
Termine