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WG-Leben mit Flüchtling

Schon das Stiegenhaus sieht großstädtischer aus, als man es von Klagenfurt gewohnt ist. Oder vielleicht auch nur, wie ich es gewohnt bin mit meiner Wohnung im süßen Süden der Stadt. In der WG, die ich hier besuche, wohnen Marlene, Christoph, Laura und Nestabrown. Warum es spannend ist, über die vier zu schreiben, abgesehen davon, dass ich ewig über die hübsche Wohnung schwärmen könnte: Marlene, Christoph und Laura haben mit Nestabrown einen Flüchtling aus Gambia in ihrer WG aufgenommen.

Wer in die Wohnung kommt erkennt gleich am breiten Gang, voll gestellt mit obligatorischem WG-Krams das hier das kreativ-offene Studi-Volk haust. In der Küche gibt’s Tee und Marlene und Nestabrown, die vom Zusammenleben erzählen.

 

Erstere ist zwar auch Ausländerin, hat aber als Deutsche weniger Probleme mit der Fremdenpolizei als Nestabrown. Um ihren Master in Geographie zu machen, ist sie nach Klagenfurt gekommen. Ihr Schwerpunkt ist Stadtentwicklung und die Segregation der Gesellschaft in Städten ist ihr ein Dorn im Auge. Oft gibt es kaum Berührungspunkte zwischen der normalen Bevölkerung und Flüchtlingen im Asylprozess. Der Verein „Flüchtlinge Willkommen will das ändern indem er Flüchtlingen freie WG-Zimmer oder Wohnungen vermittelt, Marlene ist Obfrau in Kärnten. “Ich kenn’ den Verein von Freunden aus Berlin. Als bei uns das kleinste und so auch günstigste Zimmer in der WG frei wurde, und beim WG-Casting niemand dabei war, der uns gefallen hätte, hab ich mich daran erinnert und gegoogelt, ob ähnliches auch in Österreich möglich ist.” Den Verein gibt’s bereits seit Anfang 2015 in Österreich, die meisten WG-Zimmer wurden bisher allerdings lediglich in Wien vermittelt. Marlene war eine der ersten, die in Kärnten ein Zimmer anbieten wollte und wurde gleich dazu überredet, die Koordination in der Region zu übernehmen.

Nestabrown ist der erste von bisher drei Flüchtlingen, die in Kärnten vermittelt wurden. Ihm taugts richtig: „It’s totally the best solution for me. I really enjoy living here”, meint er und erzählt mir von gemeinsamen Kochabenden und wie seine Mitbewohner ihn immer wieder dazu überreden, mehr deutsch zu reden. Das erst Jahr in Österreich hat Nestabrown im Flüchtlingsheim gelebt, danach steht es Asylbewerbern frei, sich eine andere Unterkunft zu suchen oder in ein Flüchtlingswohnheim zu ziehen. Die Asylbewerber teilen sich dort Küchen, Waschräume und auch die Schlafräume mit bis zu sechs weiteren Personen. Es darf selbst gekocht werden, im Gegensatz zum Flüchtlingsheim, wo die Versorgung gestellt wird. Monatlich erhält jeder 180 Euro Taschengeld. Wer nicht ins Wohnheim möchte, kann sich selbst um eine Unterkunft kümmern, dazu werden 110 Euro zur Verfügung gestellt. Nestabrown hat also 290 Euro im Monat um Miete und Leben zu bestreiten. Ganz schön challenging.

Das Flüchtlingsreferat des Landes stellt die Schnittstelle bei der Wohnungssuche dar. Der Verein „Flüchtlinge Willkommen“ liefert hier die Info ab, dass es freie Zimmer oder Wohnungen gibt, der Flüchtling wird übers Angebot informiert. Leider hat die Vermittlung momentan erst dreimal in Kärnten funktioniert. Oft vergeht einfach zu viel Zeit zwischen der Anmeldung eines freien Zimmers und dem Zeitpunkt, an dem ein Flüchtling ein Zimmer sucht. Das Angebot ist schon wieder vergeben. Aber Marlene ist hoffnungsvoll. Das wird schon.

Mit Spendengeldern unterstützt der Verein vermittelte Flüchtlinge weiter, ein wichtiger Bestandteil, damit die Börse funktioniert: wer nur 290 Euro pro Monat zu Verfügung hat, dem bleibt nicht viel Geld für die Miete. Nestabrown müsste für das WG-Zimmer eigentlich 175 Euro zahlen. Mit Hilfe von „Flüchtlinge Willkommen“ ist es aber möglich, ihn soweit zu unterstützen, dass er nur die vorgesehenen 110 Euro für die Miete ausgeben muss. Das freut ihn, obwohl es auch ein komisches Gefühl ist: „Of course it would be a better feeling, if you can handle your rent on your own“, meint er. Ich kann ihn verstehen. Fleißig deutsch lernen und schnell was zum Arbeiten finden, damit er bald seine Miete selbst zahlen kann, das steht bei Nestabrown ganz oben auf der Tagesordnung.

Bisher ist Marlene noch alleine in der Kärnten-Sektion von „Flüchtlinge Willommen“, aber freiwillige Helfer sind herzlich willkommen bis hängeringend gesucht.

Nachdem der Tee ausgetrunken ist, bekomme ich noch eine Wohnungsführung; dass Nestabrowns Zimmer am wenigsten Ethno-Look hat, überracht mich doch wenig. Schön ist’s hier, man könnt ihnen fast neidisch werden, den Vieren, auf die großsstädtischen WG, denk ich mir beim heimradln in meinen süßen Süden der Stadt. Ich wünsche dem Verein viel Erfolg, wärs doch toll, wenn mehr Leute so eine bunte WG haben könnten wie Marlene, Laura, Christoph und Nestabrown.

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