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Wir haben Zähne. Vom Verbleib des Ich.

Früher kannte ich ein einzigartiges Glücksgefühl: Es war diese Freude, wenn ich, schon um acht Uhr abends zu Bett ging, mit einem Buch in der Hand. Telefon auf „lautlos“. Kuschelige Wärme zwischen den Laken. Und in mir breitete sich Freude und Zufriedenheit aus. Oft musste ich sogar leise kichern, bevor ich in die Geschichten meines Buches eintauchte und nach ein, zwei Stunden einschlief. Dann, in einen tiefen Schlaf versunken. Bis zum nächsten Morgen. Durchgehend. Das war etwas, was ich richtig gerne tat. Was mir wichtig war. Was mir richtig wichtig war.

Seit ich vor einem Dreivierteljahr eine Nacht geburtsbedingt durchgemacht habe, gibt es dieses Ritual nicht mehr. Seither kämpfen wir mit und um den Schlaf. Es gab mal eine durchgeschlafene Woche (im Urlaub am Meer).* Aber sonst: 2 bis unendlich Mal aufstehen. Mal ich, mal C.J.s Vater. Mal mit Erfolg. Wiederweiterschlafen. Mal ohne Erfolg. 2-3 muntere Stunden. C.J. zwischen uns. Der Bär kracht gegen die Wange. Der Schnuller fällt mit einem kurzen „Plopp“ auf die Matratze. Dazwischen lautstarkes Plappern. 3 Stunden sind unendlich.

Für mich, die ich bin, wie ich bin, ist diese Zeit unendlich. In diesen unendlichen Stunden habe ich viel Zeit: Jene zu bewundern, die noch länger nicht schlafen. Alle zu hassen, deren Kinder durchschlafen. Überhaupt alle zu hassen, die schlafen. Alle zu hassen, die ganz bei sich sind, oder daran arbeiten. Sich und seine Bedürfnisse spüren, so In-sich-hinein-spüren, und dann von ihrer Umwelt erwarten, dass sie darauf Rücksicht nimmt. Was ist mit mir? Was ist mit meinen Bedürfnissen? Neid.

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Meine (leider, zugegebenermaßen) meisteingegebenen Suchbegriffe in Google: Durchschlafen, Baby. Was ich da zu lesen bekomme: In Costa Rica erwarten die Eltern von ihren Kindern erst mit 5 Jahren, dass sie durchschlafen. In Indien oder in Nicaragua sind es vielleicht sogar ein paar Jahre mehr. Nur wir, im bösen Westen, wollen schlafen. Der Ego-Vorwurf allerorten: Es sei ja nur so kurz, dass sie so klein sind. Und warum bekommt man überhaupt ein Kind, wenn man (den Schlaf oder sich) nicht aufzugeben bereit ist. Für ein paar Jahre. Überhaupt sei Schlaf eine Sache der Gehirnentwicklung und könne nicht beeinflusst werden. Das sei „artgerechte“ Haltung – auch das Steinzeitbaby hat nicht durchgeschlafen, sonst hätte es nicht überlebt. Man solle doch untertags schlafen. Und dann noch, im Stil der Verkaufsendungen für Gemüsereiben gehaltene Werbeeinschaltungen für sinnlose „Schlaf-Bücher“ mit quälendem Inhalt.

C.J. würde überleben, wenn sie durchschlafen würde. Ganz bestimmt. Und ich werde überleben, noch eine Weile nicht durchzuschlafen. Ganz bestimmt. Inzwischen erfreut sich Clinique über ein Umsatzplus, Augenerfrischer, Schattenverstecker und so. Ich werde überleben, dass es einen Teil von mir, nämlich der, der gerne schläft, ein Grundbedürfnis stillt, für eine Zeit, vielleicht für Jahre, nicht gibt. Aber schlafen ist nicht shoppen oder joggen. Schlaf ist die Basis für den Tag. Fehlt er, geht es an’s Eingemachte: Kraft in Rexgläsern im Keller meines Körpers. Reserven. Ich werde überleben, mein Bedürfnis zu übergehen, aber trotzdem verzweifeln, vor Wut kochen, trauern.

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Wir können krabbeln. Wir können stehen. Wir haben acht Zähne. Wir sagen „Dada“ und „Alta“. Nie wollte ich Sätze wie diese sagen. Sie sind all dem geschuldet, was ich nie wollte: Totaler Symbiose. Verschmelzung. Verlust meines Ich und Verhinderung des Ich-Bildens des Kindes-Ich. Oder – schlimmer: Nicht vorhandener Selbstreflexion. Aneignen einer Sprache, der Elternsprache, ohne darüber nachzudenken. Nachplappern. Aber nun. Manchmal bin ich versucht zu sagen: Wir bekommen wieder einen Zahn. Weil ich nach einer durchkämpften Nacht nicht mehr sagen kann, wo ich anfange und wo C.J. aufhört. Weil es sich anfühlt, als hätte ich den Zahn bekommen. Wenn C.J. krank ist und ich nachts ihren heißen Kopf auf meinem Arm spüre, verschmelze ich. Dann bin ich mir egal. Dann möchte ich nur, dass es dem zitternden, wimmernden Menschen wieder gut geht. Das geht, ist gut so. An manchen Tagen. Aber nicht an allen.

Für C.J. bin ich (angeblich) der wichtigste Mensch auf Erden. Ganz bestimmt: Einer der beiden wichtigsten Menschen auf Erden. Oder – no man is an island: einer der vielen wichtigsten Menschen auf Erden. Aber wie kann ich das sein, wenn ich nicht mehr bin? Darum lohnt es sich wohl, öfter nach dem Verbleib des Ich zu fragen. Es aufzuspüren. Und sei es nur, damit man weiß, wen man an den Nagel hängt, wenn es notwendig ist. Aber auch, damit man weiß, wer da gemeinsam glücklich ist. Und für später.

* Aus weihnachtlichem Anlass wurden mir zwei weitere durchgeschlafene Nächte von meinen Lieben geschenkt, sehr, sehr dankenswerterweise. Nächte ohne C.J. Schön, aber auch nicht. Es ist wohl komplizierter geworden, mit den Bedürfnissen und dem Ich.

 

Pix: Romy Müller

Von Wouk

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