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Wir sind alle Huren

Katharina Fercher über das Treiben in unseren Bildungsinstitutionen und wie uns die Lust am Lernen vergeht.

Auf unserem Bildungsweg haben wir unsere Unschuld längst verkauft. Tag ein, Tag aus lassen wir uns von Studienverlaufsplänen und PowerPoint Präsentationen vögeln. Wir denken auch nicht drüber nach, schließlich werden wir ja dafür in Credits bezahlt. Hauptsache wir bringen den akademischen Mindfuck rasch und ohne gröbere Infektionskrankheiten hinter uns, damit wir gerüstet sind für die Jobs, die wir nicht kriegen. Willkommen in der Bildungswelt des 21. Jahrhunderts, willkommen im Rotlichtmilieu unserer geistigen Versklavung.

Universität 2.0. Lehrende sortieren wir nicht nach ihren Forschungsschwerpunkten und Fächern, nicht nach unserer Neugier. Unser Studienplan dreht sich um die Anzahl der Credits und wie viel oder hoffentlich wenig wir dafür zu leisten haben. Wie Titel-geile Judasse lassen wir uns für ein paar Punkte in die ödesten Kurse abschleppen. Und wie beim dreijährlichen Auffrischungs-Impfen sind wir froh, wenn’s nur kurz und schmerzvoll ist und wir einen weiteren Stempel in unseren akademischen Impfpass kriegen.

Wir verschreiben uns selbst Lernbulimie. Nicht nur unser Arsch, sondern auch unser Hirn muss schlanker werden: Wissen reinstopfen, bei Klausuren rauskotzen, Nährwert im Idealfall Null – schließlich muss ja wieder Platz für die nächsten Prüfungsfragen sein. Wie ein Sub um die Riemenpeitsche einer Domina, so hecheln wir um die Mindeststudienzeit. Und wer bis jetzt noch nicht am Burnout kratzt, den bestraft das Stipendiensystem. Bummelstudent. Burnout ist sexy, das weiß auch die Studentenberatung.

AAU - Alpen Adria Universität Klagenfurt AAU Haupteingang Foto Copyright by Johannes Puch    www.johannespuch.at
I have never let schooling interfere with my education. – Marc Twain. Foto: Johannes Puch.

 

Mal begonnen, hinterfragen wir unsere Studienwahl auch schon nicht mehr – das bedeutete nämlich Sinnkrise, Existenzkrise, Identitätskrise, um Anrechnungen kämpfen, Studienplan selber schreiben oder von vorne anfangen… nein, danke, wir wollen ja schnell fertig werden. Wir studieren im Quickie-Format: kurz, heftig und der Schreibtisch kriegt manchmal was ab. Sind wir unentschlossen (Du weißt nicht, was du studieren willst? Böser Junge! Zawoosh!), verfolgen wir einfach zwei Studienrichtungen. Das braucht zwar länger, aber zwei Titel sind mehr als einer und mehr ist immer besser und wenn wir uns ein bisschen anstrengen, dann brauchen wir vielleicht auch gar nicht länger.

Wir brauchen niemanden mehr, der uns über unsere Grenzen hinaus Leistung abverlangt, das haben wir hier ja schließlich schon gelernt, wir sind selbstständig: wir knechten uns erfolgreich selbst und ständig. Wir stehen mit der Knute vorm Spiegel und drohen uns: Kompetenzen erweitern, Qualifikationen erwerben, unbezahlte Praktika absolvieren und eventuell noch ein paar zusätzliche Ausbildungen zum Drüberstreuen. Früh übt sich, was einmal ein Lebenslauf werden will, der am Stapel ganz oben liegt.

Wissenschaftliches Arbeiten – das ist das mit der Wortanzahl am Anfang und dem Titel am Ende. Inhalt egal, Vier gewinnt, Credits erhalten, die nächste bitte. Für die Matura lernen wir schon uns zu prostituieren und vorwissenschaftliche Bumserei zu liefern. Einmal defloriert, liefern, liefern, liefern wir was auch immer wir für Wissenschaft halten an die Unis auch, wie niemals sich leerende Spender von Einweghandtüchern im Puff nach einem erfolgreichen Fußballspiel.

Der Feeding-Fetish wird akademisch: Hauptsache alle Mäuler sind gestopft und wir sind prüfungsaktiv. Ein Rülpser aus dem elektronischen Verdauungsapparat der Uni muss reichen als Feed-back. Der magensaure Geruch von willkürlichen Noten stinkt zum Himmel. Hungrig sein ist Luxus, den wir uns nicht mehr leisten können.

Mit Lehrenden, Eltern, Personalchefs, der Studienbeihilfen-Tante oder anderen Zuhälter Kandidaten unserer Vorgeneration rechnen wir nicht mehr. Uns beraten, begleiten, lehren, zeigen? Mit einer Schraubzange repariert man keine Apps, sie geben sich lieber als Voyeure die Show. Generation Y weiß selbst nicht wohin, weiß nicht why-ter, hat den Kontakt verloren, vor allem zu sich selbst. Wir sprechen die Frage jedoch nicht laut aus, das ist peinlich, außerdem haben wir eh keine Zeit. Die Vorgeneration hilft da netterweise mit altbewährten Stempeln aus: desinteressiert seien wir, faul seien wir, unpolitisch seien wir, tiefergehend mit Lerninhalten setzen wir uns nicht auseinander, so minimalistisch wie möglich wollen wir davon kommen, unsere Jobs machen wir nicht gewissenhaft, mit den Gedanken seien wir wo anders, wir bemühen uns nicht. Aha. Who’s your daddy anyway.

Und dann? Die Mindeststudienzeit ist vorbei, unser Hals hängt am Galgen der Abschlussarbeit, unsere unentdeckten Interessen wie verurteilte Ketzer geknebelt und blau angelaufen neben uns und wir werden von allen Seiten befragt: Wie bitte? Wir studieren noch immer? Der Knoten ist wohl noch nicht eng genug…

Arschgeil
You cannot enslave a mind that knows itself. – Wangari Maathai. Foto: Lucia Schöpfer.

CUT!

Welcher Film läuft hier eigentlich? Können wir diesen Bildungsporno bitte unterbrechen und uns mal kurz in den Regiesessel setzen? Können wir bitte ein Timeout einlegen und überlegen, was wir hier tun und wie wir das überhaupt finden? Kritik üben? Ihr wisst schon, Kritik, das unselige Ding, das durch Feedback ersetzt wurde, weil es uns zu viel zum Nachdenken bringt und zu wenig veränderungsresistent ist. Wo ist unser weit aufgerissener Mund? Nicht der, der sich fromm den Bologna Cum-Shots unterwirft, sondern der, aus dem sich endlich unsere Stimme erhebt und lauthals „Fuck this!“ schreit?

„Fuck this!“ zu unserer Politik, Wirtschaft und Gesellschaft, weil sie keinen sicheren Raum schaffen, in dem Bildung stattfinden kann anstatt irgendjemandes Einbildung! Wo sich Menschen frei mit sich und ihrem Erkenntnisstreben auseinander setzen können, können auch jene Reflexionen und Ideen entstehen, die wir für ein gutes Zusammenleben benötigen.

„Fuck this!“ zu unserer Vorgeneration an Lehrenden, Professoren, Politikern, Eltern, weil sie ihren Arsch nicht hochkriegen und uns vor allem anderen erst mal das (Hinter-)Fragen beibringen sollten, anstatt uns mit Vorgaben und Richtlinien zu vergewaltigen! Einen mündigen Geist stört die Ausformung einer Wissenslandschaft nicht – es sei denn, es werden ihm Steine in den Weg gelegt.

„Fuck this!“ zu uns selbst, weil wir vergessen, dass wir die Eierstöcke und die Eier haben, unsere Bildung selbst in die Hand zu nehmen, anstatt blind allem nachzulaufen! Bildung ist nicht Wiederkäuen von Vorgegebenem. Bildung ist der fruchtbare Boden unserer Neugier und ein gesundes erotisches Verhältnis zu unserer eigenen Intelligenz.

In diesem verfickten Dreieck sind wir Studierende ein Teil, der es erhält. Wir haben unseren Anteil an dieser Porno-Show. Wir kreieren sie mit, einfach indem wir mitmachen. In der Bildung führen wir ein second-hand Leben. Wir amputieren uns die Zähne und übernehmen, was schon vorgekaut wurde. Wenn das Denken das Raubtiergebiss des Menschen ist, dann sind wir zahnlose Huren, die für ein paar Heller an althergebrachten Ständern lutschen, um nur nicht verhungern zu müssen. Was wir uns gefallen lassen, haben wir nicht anders verdient.

Doch den Hunger spüren wir gar nicht mehr. Wir ziehen uns nicht mehr in die Reizlosigkeit unserer inneren Nacht der Seele zurück, in der wir auf unsere eigenen Gedanken kommen könnten. Wir stopfen uns mit Live your life-Zitaten, Likes und Kätzchenfotos das Maul und geilen uns an unserer nächsten evolutionären Stufe auf, dem Bildungs-Darwinismus: Es überlebt nur, wer sich am besten den (Aus-)Bildungsdesigns anpasst.

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Do what you want and live with the consequences. – Alice Munro. Foto: Eric Wüstenhagen.

Wir sind nicht nur Huren, abgenutzt und ausgeleiert, wir sind gar nicht mehr fruchtbar. Wenn nichts ansteckender ist, als eine Idee, dann haben wir uns in unserer derzeitigen Bachelormaschinerie ein Kondom übergestülpt und uns vor unserer eigenen Bildung verhütet. Wir sind unheimlich anpassungsfähig, wir können mit jedem Fetisch. Hauptsache er geht schnell vorüber, Augen zu und durch. Als wäre ein Studienabschluss nur mehr ein Initiationsritus für unser späteres Leben als Zahnrad. Nur anstatt der Genitalien beschneiden wir nun unser Hirn.

Bringen wir den Sex wieder zurück in unsere Studien, in die Wissenschaft. Es gibt ihn nicht, den G-Punkt des Lebens, den man, einmal gefunden, nur zu drücken braucht und dingdingding… Jackpot! Sind wir nicht an der Uni, weil wir an dem ganzen Getriebe grundsätzlich etwas geil finden? Erlauben wir uns doch einfach einmal, dieser Attraktivität mal auf den Grund zu gehen. Erlauben wir uns doch einfach mal, uns von der Fülle des Wissens, den grenzenlosen Entdeckungsmöglichkeiten und dem ungeahnten Potenzial an Kreativität betören, ja erregen zu lassen, unseren Impulsen zu folgen und einmal zu tun, was wir tatsächlich wollen. Erlauben wir uns doch einfach mal, die Nase, die Hände, uns insgesamt in all das Zeug zu stecken, das unsere Neugier packt und zu forschen, experimentieren, suchen, finden, Fehler machen und aus allem lernen. Der Weg ist das Ziel ist ein alter Spruch. Doch nicht alles, was alt ist, ist veraltet. All das braucht Zeit, die wir uns nicht nehmen, sondern geben sollten. Tantra als akademischer Stil.

Erlauben wir uns doch Aus-Zeit – dem Dom mal die Peitsche ausreden und der Sub Luft zum atmen geben. Fifty shades of aloha ‚oe. Im Regiesessel des Lebens lümmeln und in die Luft starren, bis uns so langweilig wird, dass dort Schlösser entstehen. Von der Generation Y zur Generation A werden und nicht nur aus dem Ende des Alphabets wieder einen Anfang machen. Momo sein und uns die Zeit für all das zurück zu holen. Unsere Zeit. Unsere Bildung. Unser Leben.

Legen wir die Sanduhr flach und richten Bildung wieder an unserer Neugier aus, die weniger im Kopf als tief im Herzen steckt. Dann kann nicht nur Sex, sondern auch Wissenschaft und Uni wieder Spaß machen, uns etwas bieten – und wir ihnen. Auch wenn das heißt, dass wir ihnen manchmal den Finger in den Arsch stecken müssen, um sie daran zu erinnern.

Inspiriert von:
Generation A – Douglas Coupland
Momo – Michael Ende
One day – Julia Engelmann
Psychopolitik – Byung-Chul Han
Lesen und Schreiben – Otto Kruse
Geisterstunde – Konrad P. Liessmann
Mit fanatischem Bravsein die Welt retten – Interview mit Robert Pfaller
Salomes siebter Schleier – Tom Robbins
Die Kunst nicht zu lernen – Fritz B. Simon
Lernen ist Vorfreude auf sich selbst – Interview mit Peter Sloterdijk

sowie:
Georg Wilhelm Friedrich Hegel
Friedrich Nietzsche

und:
Wikipedia.com

Text von Katharina Fercher

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